Selbstfolter
Nicht mit einer Verhaftung, mit einem Experiment beginnt Kafkas Roman auf der Bühne der Bochumer Kammerspiele, mit einem Experiment der Selbstfolterung. Josef K. setzt sich freiwillig der euphemistisch Waterboarding genannten Foltermethode simulierten Ertrinkens aus. Freiwillig geht er am Ende wieder auf das Folterbrett und schnallt sich fest, wie der Offizier am Ende von Kafkas Erzählung «In der Strafkolonie».
Waterboarding, eine in vielen Kriegen von vielen verwendete Methode zur Erpressung von Informationen, steht seit der Rechtfertigung durch Präsident Bush und der folgenden Debatte in den USA für die moralische Selbstkorrumpierung des Westens in der Auseinandersetzung mit dem Islamismus. Der tunesische Regisseur Fahel Jaibi mit der Erfahrung einer antidiktatorischen Revolution, die in islamistischer Herrschaft zu enden droht, scheint der richtige Mann zu sein, um Kafkas «Prozess» politisch zu deuten.
Freiwilliges Waterboarding als Rahmen für den «Prozess» – eine Interpretationshypothese. Josef K. findet weder das Gesetz noch sein Urteil, weil er selbst Teil des Systems ist. Ihm mangelt es einfach an Selbsterkenntnis. Er weiß nicht, dass er nicht nur Opfer, sondern auch Täter ...
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Theater heute Januar 2013
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Gerhard Preußer
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Manchmal liegen nur ein paar Zentimeter zwischen Komödie und Tragödie. In Anton Tschechows «Onkel Wanja» zum Beispiel greift der Titelheld am Ende des dritten Akts zur Flinte und schießt zwei Mal auf seinen Schwager. Träfe er, wäre das Stück eine Tragödie. Weil er aber daneben schießt, ist es eine Komödie.
Die Schuss-Szene stellt Matthias Hartmann seiner...
