Absolute Gegenwart
Es geschieht nichts Aggressives, keine Gewalt, kein Blut, kein Sex, es ist nicht einmal besonders laut, und doch verlassen in dieser Szene immer wieder Zuschauer den Saal, weil sie es einfach nicht aushalten: Ein Mensch zählt, nichts weiter, aber das genügt.
Es mag ein wenig verrückt klingen, aber diese Minuten in den Münchner Kammerspielen, in denen der leicht desperate Robin aus Sarah Kanes Psychiatriehorrorstück «Gesäubert» plötzlich zu zählen beginnt, von eins bis 52 zuerst und dann noch einmal von vorn bis 30, die Rechenmaschine im Arm wie Apollon seine Leier und mit dem ernsthaften Stolz eines Kindes, das zeigen will, wie weit es schon alleine gehen kann, gehört zum Intensivsten, was ich in letzter Zeit im Theater erlebt habe.
Inszeniert hat das Triptychon, bestehend aus den letzten drei Kane-Stücken «Gesäubert/Gier/4.48 Psychose», Münchner Kammerspiele-Intendant Johan Simons, und sein erstaunlichster Komplize an diesem Abend ist der Schauspieler Thomas Schmauser. Wie selbstverständlich gelingt es ihm in «Gesäubert», aus einer leicht verschrobenen Randrolle phasenweise reine geteilte Gegenwart zu machen, indem er – so viel dieses Zählen auch beiläufig noch erzählen mag über ...
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Theater heute Januar 2013
Rubrik: Akteure, Seite 36
von Silvia Stammen
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