Dieser radikale Anspruch an sich selbst
Die vermeintlich großen Dramen des kleinen Menschen führen zu vielen Absurditäten im Leben, und manchmal haben sie extreme Folgen. Die meisten Theaterstücke erzählen aber im Kern nicht von Mord und Totschlag, nicht von Glückseligkeit, vom Himmel auf Erden, sondern davon, was Menschen alles aushalten, wie sie das durchstehen, was ihnen unerträglich scheint.
Das Finale der Stücke mag mehr oder weniger spektakulär, freudvoll, desillusioniert oder auch tödlich sein, aber davor wird von einem Leben erzählt, das oft nur Überleben ist: das, was kommt, wenn das Schlimme, das traumatische Ereignis, eigentlich schon vorüber ist.
Karin Henkel gilt als eine Regisseurin, deren Arbeiten nicht auf einen Stil, auf eine dominante äußerliche Form zu reduzieren sind. Aber es gibt Kontinuitäten, es gibt eine deutliche Handschrift, zu der unter anderem gehört, dass sich Karin in all ihren Inszenierungen mit diesem Überleben und seinen Mechanismen beschäftigt: einfühlsam und emphatisch, manchmal auch unerbittlich, humorvoll und todernst, aber immer analytisch hellsichtig.
Politische Zwänge und private Deformationen
«Stil» – sagt Roland Barthes – «ist fast immer ein Alibi, das dazu herhalten muss, ...
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Theater heute Juli 2018
Rubrik: Akteure, Seite 30
von Rita Thiele
Das Denken muss kalt sein, sonst wird es familiär.» Schreibt Friedrich Nietzsche. Einar Schleef, der dessen «Ecce Homo»-Monolog in Form und mit sich selbst als brillantem Rhetor auf die Bühne brachte, war im Denken kalt und im Fühlen hochentzündlich. Provokation lag bei Schleef höchstens in seinem Willen, mit dem ein Unzeitgemäßer – und auch Wagnerianer – Rituale...
TH Anfang dieses Jahres hat die Journalistin Petra Kohse in einem Artikel in der «Berliner Zeitung» die These aufgestellt, dass «‹Freie Kunst› sich heutzutage durch Effizienz und Internationalität» auszeichne. «Das kann die Institutionskunst von ihr lernen. Das künstlerische Experiment indessen findet innerhalb der subventionierten Häuser statt», schreibt die...
Was für eine Familie. Der Ur-Opa war ein mittlerer Massenmörder der SS und wurde beim Einmarsch der Roten Armee vor den Augen seiner Tochter auf Nimmerwiedersehen verschleppt, das Kind anschließend von einem Russen vergewaltigt. Lieblingssspruch der Mutter: «So etwas passiert in unserer Familie nicht.» Die Traumata aus dem Krieg lassen auch danach keine rechte...
