Mythos und Geschichte

Drei Uraufführungen nehmen sich Vergangenheit und Zukunft vor: Sören Hornung versenkt sich in «Sieben Geister» in ostdeutsche Traumati­sierungen, Marius von Mayenburg kokettiert mit einem «Mars»-Ausflug, und Konstantin Küspert rechnet mit dem «Westen» ab

Theater heute - Logo

Was für eine Familie. Der Ur-Opa war ein mittlerer Massenmörder der SS und wurde beim Einmarsch der Roten Armee vor den Augen seiner Tochter auf Nimmerwiedersehen verschleppt, das Kind anschließend von einem Russen vergewaltigt. Lieblingssspruch der Mutter: «So etwas passiert in unserer Familie nicht.» Die Traumata aus dem Krieg lassen auch danach keine rechte Lebensfreude aufkommen. Enkel Frank wächst lieblos auf, seine einzige Freundin wird beim Indianerspiel an der Grenze erschossen. Urenkelin Franziska ist arbeitslos, tablettensüchtig und ritzt sich Hakenkreuze.

Die Oma, nach deren Begräbnis man sich versammelt, war familienweit als Tyrannin gefürchtet, Onkel Wolfgang ist immerhin sympathisch dement. Die erste zaghafte Wärmestrahlung kommt ganz zum Schluss auf, wenn sich Vater und Tochter bei einer Tasse Kaffee versöhnen, nachdem der Schauspieler-Papa seine Stasi-Mitarbeit gestanden hat. 

Sören Hornung hat in schnellen Schnitten und unter Zuhilfenahme einer Erzählerfigur eine ostdeutsche Familiengeschichte von 1945 bis heute skizziert, voller Rückblenden, Geständnisse und vager Andeutungen. Abgerissene Sätze stehen im Wind der Zeitläufte, das Märchen vom bösen Wolf und den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Auf Kreuzzug

Das Denken muss kalt sein, sonst wird es familiär.» Schreibt Friedrich Nietzsche. Einar Schleef, der dessen «Ecce Homo»-Monolog in Form und mit sich selbst als brillantem Rhetor auf die Bühne brachte, war im Denken kalt und im Fühlen hochentzündlich. Provokation lag bei Schleef höchstens in seinem Willen, mit dem ein Unzeitgemäßer – und auch Wagnerianer – Rituale...

Weimar: Ende eines Ego-Trips

Wer ist Rieke? Unter dieser unausgesprochenenen Überschrift steht «Verzicht auf zusätzliche Beleuchtung», das neue Stück von Oliver Bukows­ki, das in der Regie von Stephan Rottkamp bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen als Koproduktion mit dem Deutschen Nationaltheater zur Uraufführung kam. Wer ist also diese Rieke? 

Eine erste Antwort liefert Kathrin Frosch mit...

Kinder-und Jugendtheater: Jenseits von Hotzenplotz

Das Hamburger Produktionshaus Kampnagel hat ein Herz für marginalisierte Theaterformen: Postmigrantisches Thea­ter passt in die Kampnagel-Praxis der queeren Performance ebenso wie inklusives Theater. Marginalisiert ist auch Kinder- und Jugendtheater. Jeder weiß, dass man es braucht, um eine jüngere Generation an die Darstellende Kunst heranzuführen, dennoch wird es...