Einstürzende Relevanz-Ordnungen
Es muss eine desillusionierende Erfahrung gewesen sein für die sieben Wichtigkeitsbeauftragten der deutschen Theaterkritik, als sie auf der Suche nach den bemerkenswertesten Inszenierungen auf die Probleme des schieren Überlebens stießen. Der Theatertreffen-Juror Bernd Noack hat im Maiheft dieser Zeitschrift beschrieben, wie er auf dem Weg in die Mittel- bis Hochkultur der Wiener Theater am Westbahnhof auf Polizei-Hundertschaften traf, hinter ihnen abgesperrte Bahnsteige, auf denen Flüchtlinge aus Syrien warteten.
«Sie haben Rucksäcke und Taschen, und man wundert sich, wie wenig ein Mensch auf eine Reise mitnimmt, die in ein anderes Leben führt.» Oder wie es war, am 13. November 2015 aus einer «Clavigo»-Vorstellung zu kommen und im Hotelfernseher die Anschläge in Paris zu sehen: «Da kam einem das Theater nicht nur rat- und machtlos, es kam einem nurmehr lächerlich und nebensächlich vor.»
Die sieben wackeren Kritiker waren nicht die Einzigen, die erleben mussten, wie sich solide Wertigkeiten innerhalb von Tagen oder Wochen in Nichts auflösen. Als sich die ehemalige Volkspartei SPD plötzlich mit Umfrageergebnissen im Splittergruppenbereich konfrontiert sah, suchte sie hektisch nach ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Wichtigkeit, Seite 132
von Franz Wille
Als ich auf die Welt kam, lag die Welt in Asche. Ich wurde 1946 geboren. Ein halber Kontinent war zerbombt, und Millionen Menschen waren hingerichtet oder zwischen den Fronten getötet worden. Die deutschen Nationalsozialisten hatten gerade noch in ihren grenzenlosen Allmachtsfantasien gestoppt werden können. Mein Land, die Niederlande, war dank der Alliierten...
Ein wolkenloser Tag im Mai. Ein Frühlingstag. Ein Junge, keine sechs Jahre alt, läuft entlang eines Baches den Vögeln hinterher. Der Bach teilt Hügel und Felder. Auf der einen Seite wächst Wein, auf der anderen weiden Kühe, Pferde und Schafe. Zwei Dörfer liegen an diesem Bach, «aneinandergeschmiegt wie Zwillinge im Bauch der Mutter». Und der Legende nach waren die...
Sie wolle etwas Heiteres schreiben, ihr sei nach Komödie, soll Elfriede Jelinek angekündigt haben, und nach den schweren Texten, die in letzter Zeit aus ihrer Feder kamen, wie «Die Schutzbefohlenen», in dem sie sich unermüdlich am Flüchtlings-Thema abarbeitete, oder «Wut», in dem sie die Anschläge von Paris thematisierte, nahm sie sich das Thema Mode vor.
Auch laut...
