Hinterm Horizont geht’s weiter
Als ich auf die Welt kam, lag die Welt in Asche. Ich wurde 1946 geboren. Ein halber Kontinent war zerbombt, und Millionen Menschen waren hingerichtet oder zwischen den Fronten getötet worden. Die deutschen Nationalsozialisten hatten gerade noch in ihren grenzenlosen Allmachtsfantasien gestoppt werden können. Mein Land, die Niederlande, war dank der Alliierten befreit worden. Nun gab es überall Trümmer und kaputte Seelen. Das größte Unglück seit Menschengedenken steckte der Welt tief in den Knochen.
Europa war am Nullpunkt: Jede Frau, jeder Mann, jedes Land fing erstmal wieder ganz bei sich selbst an.
Aus dieser Zeit stamme ich. Das heißt, in diese Zeit wurde ich hinein- geboren, und aus dieser Zeit wollte ich heraus. Meine Welt reichte nicht viel weiter als bis zur Tür meines Elternhauses und zu den Grenzen unseres kleinen Dorfes. Und ich glaube, so wie mir ging es damals vielen. Deshalb bin ich heute noch ein Dorfmensch und gleichzeitig immer auf der Suche.
Deshalb habe ich noch, als ich mehr als sechzig Jahre später Intendant der Münchner Kammerspiele wurde, diesen Satz zu unserem Motto gemacht: Wer sein Dorf nicht kennt, der kennt die Welt nicht. Meine Welt – und auch das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen, Seite 6
von Johan Simons
Ein wolkenloser Tag im Mai. Ein Frühlingstag. Ein Junge, keine sechs Jahre alt, läuft entlang eines Baches den Vögeln hinterher. Der Bach teilt Hügel und Felder. Auf der einen Seite wächst Wein, auf der anderen weiden Kühe, Pferde und Schafe. Zwei Dörfer liegen an diesem Bach, «aneinandergeschmiegt wie Zwillinge im Bauch der Mutter». Und der Legende nach waren die...
Wer ist Lucas? Diese Frage ist der rote Faden, der durch die sieben Szenen des Stücks führt – ohne jedoch jemals abschließend beantwortet zu werden. Lucas ist vor allem eine Leerstelle, die die Figuren beschwören und mit ihrer Sprache umkreisen, die sie aber nie füllen können. Er personifiziert das Paradox einer gleichzeitigen Anwesenheit und Abwesenheit, welches...
Am 1. Mai 2014 starb Margot durch begleiteten Freitod in Basel. Wir, das Theaterkollektiv Markus & Markus, begleiteten sie bis zuletzt und standen auch dort mit unserer Kamera neben ihr, die uns wenige Wochen zuvor in ihrer Heimatstadt all ihren Bekannten als ihre Enkel vorgestellt hatte – und die sich soeben suizidiert hatte. Die Polizei traf ein, und es dauerte...
