Anreden gegen die Einsamkeit
«Ich liebe Dich nicht mehr.» Der Satz, der alles ändert, alles zu beenden scheint. Drei Frauen, drei Generationen, ein Schicksal: Sophie (25), Nelly (35) und Simone (50) ringen um ihre Identität. Sie sind verlassen worden. Jetzt stehen sie vor sich selbst und voreinander und wissen nicht weiter. In neunundzwanzig Szenen und einem Prolog reden sie miteinander, übereinander und zusammen über ihr Schicksal und gegen die «unignorierbare Einsamkeit» an. Sie haben Biografien und sind doch viele, ein Chor der Einsamen.
Nach dem Schock der Trennung schwanken sie zwischen Schuldfragen, Unsicherheit, Selbstmitleid, Verlangen, Eifersucht, grenzenlosem Hass und Mordfantasien. Das Reden, ein Verstehensversuch (Sophie: «Das ist jetzt eben die traumhafte Wegwerfgesellschaft») und ein Kampf um Selbstbestimmung, obwohl sie noch immer unheilbar Liebende zu sein scheinen.
«Verlassen» – das ist eine Suada, ein Anreden gegen das Alleinsein, todtraurig, weil es keinen anderen Ausweg zu geben scheint, und bisweilen grandios komisch, weil von ungeheurer Maßlosigkeit in der Selbststilisierung zum «Opfer». «Ich lege mir eine Rolle zurecht: Ich bin derjenige, der weinen wird; und diese Rolle spiele ich ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 173
von Joachim Klement
Manchmal findet sich, wenn man müde ist von der immer weiter anschwellenden Flut «Szenischen Schreibens» hierzulande, ein Text, der richtig Theater sein will. Und als griffen wir nach langem wieder zum Märchenbuch, werden wir verzaubert, vom Unterbewussten heimgesucht, entführt, von Äxten, Dämonen und der eigenen Familie bedroht, fahren wir in schrottreifen Karren...
Dea Lohers Stücke erzählen von Schuld und Verantwortung, von Verrat, persönlichem Versagen und überpersönlichem Unglück, von Verantwortung und dass man ihr nicht gerecht werden kann. Und doch kommt mir fast immer, wenn ich Dea sehe, der leichtfüßige Beginn einer Geschichte von Katherine Mansfield in den Sinn: «Was soll man auch tun, wenn man dreißig ist und beim...
Eine Krise ist immer eine gute Sache. Wenn das Theater sich selbst abschafft, dann werden wir dieses Schauspiel genießen. Untergang ist überhaupt das beste Schauspiel.» (Boris Groys) Im Berliner Landwehrkanal, in den im Januar 1919 – wie in Brechts «Ballade vom ertrunkenen Mädchen» poetisiert – die ermordete Rosa Luxemburg geworfen wurde, dümpelt 2008 ein...
