Arbeitsauftrag «Endlösung»
Kaum zu glauben, dass Antonio Latella die 700 Seiten mit drei Schauspielern, einem Sänger, einer leeren Bühne, ein paar Hockern und einem Scheinwerfer bewältigt. Tatsächlich gelingt ihm ein außergewöhnlich dichtes, mitunter verstörendes, Dostojewski-graues Kammerspiel um Verbrechen und Strafe. Dabei interessieren Latella die (längst ausgestandenen) Aufregungen über das Buch und die heiklen historischen und fiktiven Überschneidungen lediglich am Rande.
Er ist radikal und mit kargen Bildern der monströsen Banalität, der Geburt des Bösen auf der Spur, wenn er den schwulen SS-Offizier Maximilian Aue als einen in jämmerlicher Einsamkeit durchdrehenden Zyniker zeigt.
Dem ist die Vernichtung der Juden ein lästiger Arbeitsauftrag und gleichzeitig doch auch ein nützlicher Karrierebaustein. Im Schnapsnebel und mit großspuriger Herrenmenschen-Attitüde setzt er sich über die moralischen Skrupel hinweg und zerbricht am Ende an der Erkenntnis, dass er das Gute und Feine vielleicht einmal für sich erträumt haben mag, aber doch immer nur das Schreckliche und Obszöne – auch für sich – realisiert hat. Seine Flucht vor der Verantwortung endet im Wahn, und alle mühsam gezimmerten Erklärungen, die ...
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Theater heute Februar 2014
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Bernd Noack
Mit seinen 35 Jahren ist Shenja Lacher schon mächtig rumgekommen und hat praktisch an allen Rändern Deutschlands gekratzt. Von der Rostocker Schauspielschule im hohen Nordosten ging es zum Erstengagement nach Zittau ins tschechisch-polnische Dreiländereck. Dann nach kurzer Stippvisite in der Mitte, in Mannheim, weiter in den äußersten Nordwesten nach Oldenburg. Und...
Er: ein älterer knorriger Einzelgänger mit Bluthochdruck. Sie: eine junge überlastete Notärztin. Er: der leutselige Alltagsrassist von nebenan. Sie: eine Hessin mit ägyptischem Vater. Ein Traumpaar kann daraus nicht werden, aber vielleicht ein Theaterstoff. Das jedenfalls ist der Ansatz beim Projekt «Fremdraumpflege». Die Initiative stammt von Pforzheims...
Wenn man betrachtet, woraus totalitäre Systeme ihre Kraft bezogen haben, dann war das zuallererst die Zerstörung von bestehenden Sozialbeziehungen.» Diese Sentenz aus Harald Welzers Oppositionsratgeber «Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand» flimmert zum Auftakt von Tilmann Köhlers Horváth-Adaption «Jugend ohne Gott» in den DT-Kammerspielen über die vierte...
