Schwelbrand der Identitätszersetzung

Thomas Melles «Bilder von uns» im Schauspiel Bonn untersucht den Missbrauchsskandal am Aloisiuskolleg

Theater heute - Logo

Identität entsteht aus den Bildern, die man von sich selbst hat. Mit Hilfe der Erinnerung verknüpft man diese Bilder. Das ist der selbstkonstruierte Kern des Eigenen: die Biographie. Neue Bilder der eigenen Vergangenheit zu integrieren, ist schwer: «Das Schwierigste nicht scheuen, das Bild von sich selbst ändern.» (Christa Wolf)

Thomas Melles Aufarbeitung des Missbrauchsskandals am Bonner Aloisius-Kolleg, einer vom Jesuiten-Orden geführten Internatsschule für Jungen, geht von Bildern aus.

Denn Bilder machten einen wesentlichen Teil dieses Skandals aus, Fotografien nackter Jungen, die ein Pater, der Leiter der Institution, etwa 40 Jahre lang von seinen Schutzbefohlenen machte. Der Schauspieler Miguel Abrantes Ostrow­ski, ehemaliger Schüler des Aloisius-Kollegs, veröffentlichte 2004 einen dort spielenden Roman, in dem die Zustände schon deutlich geschildert wurden – weitgehend folgenlos. Erst 2007, nachdem in den USA ein ehemaliger Ako-Schüler wegen Kinderpornografie verhaftet worden war, kam die öffentliche Diskus­sion in Gang. Auch Thomas Melle war Schüler des Ako gewesen. In der Schilderung der zurückliegenden Ereignisse und bei ihrer Interpretation hält er sich getreu an den 2011 ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2016
Rubrik: Mülheimer Theatertage, Seite 50
von Gerhard Preußer

Weitere Beiträge
Wiesbaden: Ab 14

Ein aufgerissenes Hemd, eine abgestreifte Hose, ein kurzes Stöhnen. Dann liegen sie wieder da auf ihrem Luxussofa ohne eine Idee, wie die Restzeit totzuschlagen sei – für immer und ewig. Hedda verdreht die Augen überm Wonnemund, Jörgen schaut verlegen weg, und vorbei ist es mit der Intimität des Scheinehepaars. Denn im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden...

Familien- und Gesellschaftsmuster

Peer Gynt», steht auf der ersten Umschlagseite des Programmhefts, «Oder die Unmöglichkeit, Peer Gynt zu sein» auf der zweiten. «Oder wie Henrik Ibsen 1879 anfing, unglaublich tolle Frauenrollen zu schreiben», folgt auf der dritten. Schließlich ein vierter Titel-Anlauf: «Oder die Erlaubnis für Frauen, total auszurasten». In ungefähr diesen Gedankenschritten dürfte...

Schauspielausbildung: Das Allerheiligste

Im Anfang ist der (Freuden-)Heulkrampf: Als die Dozenten der Staatlichen Schauspielschule Hannover zu Beginn von Till Harms’ Dokumentarfilm «Die Prüfung» jene zehn Auserwählten anrufen, die sie nach einem mehrtägigen Hardcore-Prüfungsverfahren schlussendlich unter 687 Bewerbern fürs Schauspielstudium auserkoren haben, hört man am anderen Ende der Leitung ein...