Familien- und Gesellschaftsmuster
Peer Gynt», steht auf der ersten Umschlagseite des Programmhefts, «Oder die Unmöglichkeit, Peer Gynt zu sein» auf der zweiten. «Oder wie Henrik Ibsen 1879 anfing, unglaublich tolle Frauenrollen zu schreiben», folgt auf der dritten. Schließlich ein vierter Titel-Anlauf: «Oder die Erlaubnis für Frauen, total auszurasten». In ungefähr diesen Gedankenschritten dürfte sich Simon Stones Abkehr von Henrik Ibsens «absolut typischem Männerstück» (Stone über Gynt) vollzogen haben.
Und tatsächlich steht in der Fassung, die der australische Regisseur vom «nordischen Faust» erstellt hat, so gut wie kein Wort von Ibsen mehr.
Stattdessen stellt Stone das Stück am Hamburger Schauspielhaus komplett auf den Kopf. Er erzählt es von hinten, das heißt, «Peer Gynt» setzt mit der Heimkehr nach langer Weltenfahrt ein. Außerdem ist Peer eine Frau, genauer gesagt, drei Frauengenerationen: Im ersten Akt tritt – ein Besetzungscoup – Angela Winkler als ehemalige Hippiebraut im eleganten Trenchcoat vor eine mit Neonröhren ins Bühnenschwarz skizzierte Hausfassade (Bühne Bob Cousins). Gut vierzig Jahre ist es her, seit sie Mann und Kind hier sitzenließ, um sich in einer Kommune irgendwo in Norditalien selbst zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Eva Behrendt
Wer glaubt noch «Nathan»? Lessings akkuratem Fünfakter von der überlegenen Weisheit einer aufklärerischen Vernunft, die sich über alle Religionen hinweg mit souveräner Toleranz durchsetzt? Dieser aufklärerischen Utopie einer Humanität, vor der alle Menschen gleich sind wie in einer großen Familie, die sich am Ende segensreich um den Hals fällt? Wer könnte solche...
Bilder wie diese kann ja keine Bühne, kein Theater bieten – Bilder wie aus der «Vila Itororo», einer kleinen Geisterstadt mitten im Herzen der Monster-Metropole Sao Paulo. Vor bald 100 Jahren entstand hier eine kleine Siedlung zu Füßen des Wohn-Tempels, den ein offensichtlich reichlich durchgeknallter Architekt für sich selber entwarf; mit Säulen wie auf einer...
Nora barmt. «Dein kleines Eichhörnchen würde herumhüpfen und Kapriolen schlagen, wenn du lieb und artig bist» säuselt Karin Enzler im eigenartig verrutschten Konjunktiv. Aber ein Hüpfen kann man sich ganz und gar nicht vorstellen bei dieser Nora, die kühl und emotionslos halb zu sich selbst spricht, halb ans Publikum und praktisch gar nicht an ihre Mitspieler....
