Sachgerecht übergestreift
Mein Pass weist mich aus als Bürgerin des Königreichs Ros-u, das bezeichnenderweise ein über seine Nabelschnur tief im Erdreich verwurzeltes Ferkel in seinem Wappen trägt. Die armen Bewohner huldigen einem archaischen Fruchtbarkeitskult, Anhänger anderer Religionen werden diskriminiert und verfolgt. Vermutlich alles Gründe dafür, dass ich, 54, weiblich, meine Heimat verlassen und ein neues Leben in der demokratischen und liberalen Lörischen Republik beginnen will – zusammen mit vielen anderen aus Ros-u und seinen nicht minder rückständigen Nachbarstaaten.
Mit einer Wandzeitungslektüre als Crashkurs für den komplett ausgedachten politischen Hintergrund beginnt in einem Kellerraum des Düsseldorfer FFT das Spiel «Right of Passage», das die Game-Theatergruppe Machina eX im Rahmen des «Doppelpass»-Fonds ausgeklügelt hat. Bevor wir Zuschauer-Mitspieler die kommenden drei Stunden im Flüchtlingslager von Gohpal verbringen, müssen wir unsere Taschen entleeren. Wir werden individuell mit Spiel-Pässen und -Geldscheinen ausgestattet, dann geht es noch ein paar Stufen tiefer an die Grenze. Die Beamten dort lassen keinen einzigen passieren; stattdessen erfahren wir, welche Dokumente es ...
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Theater heute Mai 2014
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Eva Behrendt
Das Stück, mit dem Peter Handke 2012 zum ersten Mal in seiner langen Karriere den Mülheimer Dramatikerpreis gewann, ist ein großes Kopftheater, in dem der Dichter die Geschichte seiner Familie inszeniert. Das Stück ist kein Drama, sondern eine lange Ich-Erzählung; so etwas wie dramatische Spannung erzeugt der Regisseur Handke vor allem durch einen kühnen...
Dass der Wille zum Spaß in nackten Unterhaltungsterror münden kann, beweist nicht nur der Kölner Karneval, sondern auch Andreas Kriegenburgs zeitnah am Staatsschauspiel Dresden herausgekommener Schenkelklopfer «Was ihr wollt» nach William Shakespeare.
Das Illyrien, in dem die elisabethanische Verwechslungsgesellschaft festhockt, ist hier ein vom Regisseur selbst...
Das Schöne am Ensembletheater ist, in aller Ruhe über längere Zeiträume hinweg beobachten zu können, welchen Weg Schauspieler und Regisseure gemeinsam gehen, welche Entdeckungen sie an- und miteinander machen und durchaus auch, wo sie zusammen an Grenzen stoßen. Zwar werden Spielpläne meist zu wenig von solchen Überlegungen bestimmt, umso erfreulicher ist es da,...
