Verträumte Nabelschau
Nahezu am selben Novembertag, als dieses Stück eines jungen iranischen Autors in Köln seine Uraufführung erlebte, betrat ein bis an die Zähne mit Schusswaffen und Bomben bewaffneter Achtzehnjähriger im münsterländischen Emsdetten seine ehemalige Schule, um rund 30 Personen zu verletzen und schließlich sich selbst zu töten. Ob in diesem Fall die Fiktion die Realität blamiert oder umgekehrt – das ist die Frage.
Der Achtzehnjährige aus Emsdetten hatte für seine Tat ein einfaches Motiv: seine Verletztheit; das unwiderlegbare Gefühl, ein Verlierer zu sein – für das er andere büßen ließ. Er wollte, schrieb er im Internet, dass man ihn «nicht vergisst». Diesen Wunsch hegen wohl alle Menschen, die ähnliche Taten vollbringen.
Das Schauspiel Köln hat den 1978 in Shiraz geborenen Amir Reza Koohestani, dessen persische Performances «Dance on Glasses» und «Amid the Clouds» über zahlreiche europäische Festivals von Theater der Welt bis zum Kunstenfestival tourte, für ein Projekt gewonnen. Dessen Held Johann ist ein junger Selbstmordattentäter, der außerordentlich hehre Motive vorschützt: Als eingefleischter Vegetarier möchte er ein Zeichen setzen; seine Bombe zündet er in einer Filiale der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Gestorben
Legendär war sein Auftritt in Volker Brauns «Übergangsgesellschaft», wenn er als alter Kommunist und verdienter Spanien-Kämpfer Wilhelm Höchst auf dem Boden sitzt, Westfernsehen guckt und Sätze sagt wie «Der Sozialismus kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen». 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, war diese Fortschreibung von Tschechows «Drei Schwestern»...
Wer rumort da im Keller? Ein Einbrecher? Ja und nein. Denn der Junge, der sich in das Haus eines arrivierten Werbeagenturmenschen geschlichen hat, behauptet, dessen Sohn zu sein. Gezeugt in der wilden Jugendzeit der freien Liebe, jetzt auf der Suche nach dem Vater. Und eingebrochen ist er eigentlich nicht. Vielmehr eingegangen. Sagt er jedenfalls, als der Mann ihm...
Das ist der Stoff, aus dem ein Alptraum ist: Wenn sich die zuverlässige ältere Dame, die stets über den Dingen stehende Hüterin des menschlichen Miteinanders, plötzlich als Vampir entpuppt. Dass man von fremden Onkels keine Schokolade nehmen darf, weiß man. Aber auch nicht von der Tante? Das Größte in Richard Eyres Film «Tagebuch eines Skandals» («Notes on a...
