Wiesbaden: Stricher, Wilder, fremder Mann

Thomas Jonigk «Kill the Bugger!» (U)

Theater heute - Logo

Der Exzentriker trägt einen rotseidenen Hausmantel zu schwarzen Kniestrümpfen und Schnallenschuhen. Vor Gericht aber verteidigt er sich eloquent, mit jedem Wort um Genauigkeit ringend: Hier soll kein Missverständnis aufkommen darüber, wer der Angeklagte ist und wer der Kläger. Der Schriftsteller und Lebemann Oscar Wilde verklagte 1895 den Vater seines Geliebten Alfred Douglas wegen Verleumdung – Lord Queens­berry hatte ihn als Sodomiten beschimpft.

Doch der Prozess kippte rasch, aus dem Kläger wurde der Angeklagte, verurteilt zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit wegen Umgangs mit Strichjungen. 

Am Staatstheater Wiesbaden nimmt Autor und Dramaturg Thomas Jonigk den Prozess zum Ausgangspunkt einer virtuosen Textmontage: «Kill the Bugger!» verknüpft Prozessprotokolle mit Auszügen aus Schlüsseltexten wie dem Roman «Das Bildnis des Dorian Gray», dem Drama «Salomé» und dem Essay «Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus» und entwirft dazwischen schillernde Szenen zwischen den Realitäten. Denn «Kill the Bugger!» ist, dem reißerischen Titel zum Trotz, ein Traumspiel, in dem sich der Prozess mit anderen Ereignissen und Erinnerungen vermischt. 

 

Es treten drei Figuren auf: Ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2015
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Esther Boldt

Weitere Beiträge
Premieren im April · Hinweise · On Tour · Suchlauf

Aachen, Grenzlandtheater                                                                                           21. Düffel, nach Shakespeare, Sieben Sonette                                                                 R. Philip Stemann

 

Aachen, Theater

24. Bicker, Illegal

R. Katja Blaszkiewitz

25. Frayn, Der nackte Wahnsinn

R. Ewa Teilmans

 

Annaberg,...

Frankfurt: Oberflächenkulte

«Zwei Uhr nachts» geht der Karriere-Streber X «noch einmal die Listen für den nächsten Tag durch». Sein Kollege Y «kloppt» unterdessen seinen «Hass auf die Welt in die Kommentarspalten von Süddeutsche, Spiegel online und Tagesschau.de». Und der aus dem Schlaf hochschreckenden Business-Frau Z dämmert plötzlich, dass es so «einfach nicht mehr weiter» geht. 

Mit...

Die Regeln des Spiels

Man muss sich Anne Lepper als Ethnologin vorstellen. Die mit dicker Brille und vermutlich einer fetten Kladde unterm Arm die seltsamen Rituale, Äußerungen, symbolischen Ordnungen und sonstigen Alltagskram fremder Völker anguckt und mit freundlichem Interesse emsig Aufzeichnungen macht. Kleines Beispiel von der Party eines weißen Stammes in Nordrhein-Westfalen: Ein...