Why even pretend?

Tschechows sexlose Liebessehnsüchtige und Houellebecqs lieblose Sexsüchtigen haben mehr gemeinsam, als man glaubt: Karin Henkel/Johan Simons «Onkel Wanja» und Stephan Kimmigs «Plattform» in den Münchner Kammerspielen

Theater heute - Logo

Die Welt ist entfaltetes Leid.» Diesen Satz, den Michel Houellebecq 1991 in sein poetisches Manifest «Lebendig bleiben» schrieb, hätte Anton Tschechow hundert Jahre früher sicher unterschreiben können. So unterschiedlich sich das Leiden im Russland Ende des vorvorigen Jahr­hunderts und im heutigen Frankreich auch entfaltet – Leerlauf und Einsamkeit umhüllen Houellebecqs lieblose Sexsüchtige so traurig und aussichtslos wie Tschechows sexlose Liebessehnsüchtige. Es gibt keinen Trost, ein paar stets unerfüllte Hoffnungen und nicht mal mehr den Selbstbetrug.

Why even pretend, dass es gut sei, dass es Sinn gäbe, Liebe, Fortschritt? Was Tschechow allerdings mit der gelassenen Gleich-Gültigkeit des melancholisch Desillusionierten protokolliert, kotzt Houellebecq in seinen Romanen als kalte Hassrede auf die westliche Welt heraus.

Provinz im Schaufenster

«Why even pretend?» ist eine der Zeilen des Fluxus-Künstlers und Zen-Buddhisten Robert Filliou, die als leuchtende Überschriften und Interpretationshilfen in Endlosschleife über dem kleinen, sehr flachen und tiefschwarzen Kasten dahinziehen, den Muriel Gerstner für Karin Henkels Inszenierung des «Onkel Wanja» in die Münchner Kammerspiele ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Liebe Gemeinde!

«Ich existiere», ruft Fabian Hinrichs aus, «um 20 Uhr 34 im Thalia Theater!» Einspruch! Das mit der Uhrzeit stimmt zwar, aber Hinrichs existiert gerade ganz eindeutig nicht im Thalia, sondern ein paar Straßen weiter im Hamburger Schauspielhaus, für das der Theaterkünstler der Stunde gemeinsam mit Bühnenbildner Jürgen Lehmann «Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000...

Was heißt schon normal?

Franz Wille «Life and Times» ist ein Crashkurs über den amerikanischen Durchschnitt. Das vielstündige, detailversessene Telefon-Interview, in dem die NT-Schauspielerin und -Musikerin Kristin Worrall von Kindheit an ihr Leben erzählt, kollidiert in den verschiedenen Episoden mit unterschiedlichen populären Unterhaltungsformaten; mit Spartakiade-Übungen im ersten...

Auf den zweiten sieht man besser

Am Ende schmilzt ein Scheinwerfer ein Loch in die Wabenwand, das Wachs tropft, und grelles Außenlicht dringt ins hermetisch verschlossene, gelbgekachelte Bienenstock-Interieur. Bis dahin konnte man darin eine aufgekratzte Gesellschaft von Neurotikern, Gewaltmenschen und feingeistigen Schmarotzern besichtigen, wie sie an unbestimmten Sehnsüchten, realitätsfremden...