Oliver Frljic, einer der beiden Gastkuratoren beim diesjährigen Malta-Festival, zeigt seine Inszenierung «Turbo Folk» (2008) vom Kroatischen Nationaltheater Rijeka; Foto: M. Zakrzewski/ Festival Malta 2017
Wer bekommt eine Stimme?
My, naród», «We, the people» – mit diesen Worten begann der Friedensnobelpreisträger und Vorsitzende der Solidarnosc-Bewegung Lech Walesa seine legendäre Rede vor dem US-amerikanischen Kongress am 15. November 1989. Unter Standing Ovations feierte er das Ende der sozialistischen «Volksdiktaturen» im Osten Europas und beschwor einen neuen Geist im Zeichen von Freiheit und Demokratie: «Und ich muss niemandem erklären, dass ich, ein Elektriker aus Danzig, diese Worte aussprechen darf.
»
Knapp dreißig Jahre später lassen sich am Bedeutungswandel, den das Wort «Volk» seitdem erfahren hat, wiederum tiefgreifende politische und soziale Veränderungen ablesen − nicht nur in Polen, sondern in ganz Europa, den USA und auch in Deutschland. Auch hier behauptete sich 1989/90 der Chor der Montagsdemonstrationen mit der Parole «Wir sind das Volk» gegenüber einer «Volkskammer», die in aller Kaderidylle ein repressives politisches System verwaltete. Doch mit den Aufmärschen der rechtspopulistischen Pegida ab 2014 wurde der Ausdruck politischer Selbstermächtigung (auch) öffentlich als Instrument sozialer Ausgrenzung missbraucht: «Wir sind das (biodeutsche, christliche) Volk» – die anderen nicht. ...
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Theater heute November 2017
Rubrik: Festivals, Seite 38
von Anja Quickert
Neue Stücke
Kaschemmen wie der «Goldene Handschuh» auf St. Pauli sind tieftraurige Orte: Hier sammeln sich Trinker und Huren, Außenseiter und Kriminelle ohne jeden verklärenden Hauch von Bohème. Heinz Strunk hat der Kneipe und einem ihrer Ex-Stammgäste, dem Frauenmörder Fritz Honka, mit seinem gleichnamigen Roman ein eindrucksvolles, ja zärtliches Denkmal gesetzt....
Die stärkste Szene dieses «Woyzeck» hat Ulrich Rasche kurz vor der Pause platziert. Es ist die Wirtshausszene, in der die Gäste ihre Nasen schon sehr tief in die «Brandewein»-Gläser gesteckt haben oder auf dem Tanzboden gierig übereinander herfallen. Auf der Bühne hört man freilich davon nur. Die metallene Drehscheibe, die Rasche diesmal als Bühnenelement entworfen...
Das «Programmheft» zu Herbert Fritschs Horváth-Abend an der Schaubühne braucht keine Worte: Es ist ein zweifaches Daumenkino. Lässt man es zur einen Seite flattern, huschen die Zentralgeister des Fritsch’schen Universums vorbei, seine Schauspieler. Dreht man es um und lässt den Daumen blättern, fliegt der Zeppelin heran, eine Fritsch-Zeichnung, und steigt und...
