Wehe, wenn sie losgelassen
Woyzeck in Weimar, ausgerechnet. Zwar nicht im repräsentativen Nationaltheater unmittelbar im Rücken der großen Bronze-Klassiker Goethe und Schiller, sondern fünf Minuten entfernt im E-Werk: einer dieser zahllosen malerischen Ziegelbauten aus der industriellen Moderne, die mittlerweile als Romantikhotels für die (darstellenden) Künste eine neue Bestimmung gefunden haben.
Wer passt besser dorthin als ein anderer historischer Fall aus einem arbeitsreichen Leben, Büchners armer Soldat, der seine Geliebte mordet, weil ihm die Bürgerwelt keinen anderen Weg aus der Verzweiflung lässt?
So jedenfalls geht die kanonische Deutung der sozialgeschichtlichen Interpretation: Der Täter Woyzeck ist das Opfer seiner Verhältnisse, der Mörder ein Getriebener seiner Unterdrücker. Die Preisfrage an jede Inszenierung: Wie zwingend kann sie in einem Eifersuchtsmord ein soziales Drama zeigen? Wie (un)frei ist dieser Woyzeck wirklich?
Zirkus Woyzeck
Steffi Wurster hat in die weite Halle ein paar weiße Pressspan-Buden, -Verschläge und -Podeste gebaut: eine etwas sterile Jahrmarktslandschaft, die bruchlos in rechteckige Wohnsilo-Architektur überblendet. Darin wird man als Publikum zu Beginn zehn Minuten ...
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Theater heute August / September 2010
Rubrik: Aufführungen/Neue Stücke, Seite 50
von Franz Wille
England gewöhnt sich an seine neue Regierung. Die in ihren ersten Arbeitswochen mit den Worten «Sparprogramm» dem Arts Council England Budgetkürzungen von insgesamt fünf Prozent oder 23 Millionen Pfund verordnet hat. Das «goldene Zeitalter» der Investition in die Kultur unter Labour scheint erstmal vorbei. Doch, sagt Dominic Cooke, Intendant des Londoner Royal...
Man konnte wirklich leicht auf den Bluff reinfallen, so routiniert herzlich klang im Vorwort zu ihrem Stück «Der große Blöff/Entfernte Kusinen» der Danksagungston Felicia Zellers an ihre «Kusine Deborah Schnabel, die mir im Sommer 2006 die Aufzeichnungen zum Großen Blöff so freimütig überlassen hat»: auf «dreizehn beidseitig beschrifteten Zetteln» ein Dramenentwurf...
Idealtypischer könnte so ein Tag in Wiesbaden kaum enden. Da kommt man von einem spätnachmittäglichen Ausflug von der russisch-orthodoxen Kapelle auf den begrünten Hängen des Nerobergs zurück zum alten Kurzentrum mit seiner klassizistischen Spielbank, in der schon Fjodor Dostojewski den einen oder anderen Rubel verjubelte. Und gleich nebenan im Staatstheater geht...
