Warten auf die Katastrophe
November 2014. In zwei Wochen beginnen die Proben zu «Zement» von Heiner Müller am Maxim Gorki Theater. Dieser Stoff war ein Vorschlag des Hauses, den ich mit Freude angenommen habe. Also musste ich «Zement» wieder lesen und war einigermaßen gespannt darauf, welche Relevanz der Text jenseits seiner ästhetischen Qualität jetzt, genau 25 Jahre nach dem Mauerfall, noch hat. Ein erster Eindruck: Das Stück wirkt unglaublich schwergewichtig, die Fabel scheint weit weg von unserer deutschen Gegenwart und ihren Problemen.
Sprachlich wirkt «Zement» wie das Libretto einer Oper und ist auf eine faszinierende Weise unzeitgemäß. Wie kann man sich trotzdem annähern?
Geschichte in die Zukunft spiegeln
Einige Autobahnfahrten Berlin–München, München–Berlin. Ich höre Müllers MP3s, 36 Stunden Material. Die Ton- und Videodokumentationen haben von 2014 aus betrachtet erschreckend prognostische Fähigkeiten. Woher kommt diese Prophetie? Aus seiner genauen Kenntnis der Geschichte? Aus den damals noch verfolgbaren Ableitungen ihrer Prozesse und ihren Auswirkungen auf Literatur und Theater hat er eine Zukunft beschrieben, die nun für uns Gegenwart geworden ist.
Müller hatte die Fähigkeit, sich in seiner ...
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Theater heute Januar 2015
Rubrik: Heiner Müller, Seite 14
von Sebastian Baumgarten
Gastfreundschaft und Zeitkritik beim Festival FAVORITEN 2014 in Dortmund
Schafe. Wo sich gestern noch Theaterzuschauer auf Picknickdecken fläzten und bei vegetarischem Essen und Wein Kunsterfahrungen verdauten, käuen nun wollige Vierbeiner den siebten Festivaltag wieder. Der Rasen im lichten Atrium des ehemaligen Museums am Ostwall gehört zur installativen...
Das menschliche Sandwich, lange nicht gesehen, gibt es bei Doris Uhlich als Doppel-Whopper de luxe: Vier nackte Schauspieler, teils mager, teils fülliger, liegen wie Scheiben übereinander, stoßen mit kurzen Zuckungen Bäuche gegen Rücken. Und das weiche Fleisch vibriert, zittert, klatscht, als wolle es die Stille des Raumes in Schwingung versetzen. Bald werden...
Die zuhauf in Zellophan verpackten Blumensträußchen, mit denen das Ehepaar Tesman im seinem neuen Haus begrüßt wurde, erinnern an die Mitbringsel trauernder Massen, niedergelegt zum Gedenken an eine zu Tode gehetzte, sich müde getanzt habende Prinzessin oder an in den Pop-Himmel aufgefahrene Stars. Ist vielleicht auch Hedda Gabler ein solch früh geendetes Idol,...
