«Verwahrlosung ist die Hoffnung»
Sonnenbrille, Dreitagebartgestrüpp, Stirnnarbe und Brusthaar: Vom Schutzumschlag guckt der Rockpoet. Nur eins der Etiketten, mit denen Thomas Brasch gerne belegt wurde und gegen die er wütend ankämpfte. Dissident war ein anderes. Um dieser Schublade zu entgehen, die den Medien ungemein ergiebig erschien, stürzte er sich in wagemutige Behauptungen über die DDR.
Dem jüdischen Funktionärssohn, Ex-Schüler einer NVA-Kadettenschule und Knastinsassen wegen Unbotmäßigkeit anlässlich der Warschauer-Pakt-Intervention in der CSSR 1968 blieb sie trotz alledem letzter Hort utopischen Denkens. Die BRD, in die er 1976 31-jährig mit Lebensgefährtin Katharina Thalbach «umzog», um seine Werke gedruckt und aufgeführt erleben zu können, war für ihn daran gemessen ein «windstiller Ort», der alle Widersprüche zu Tode harmonisierte. Dass er 1977 mit dem Stück um den Fleischergesellen «Rotter» und dem Prosaband «Vor den Vätern sterben die Söhne» schnell ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte, hinderte ihn nicht, die BRD als eine «Genuss- und Leistungsgesellschaft» zu beschreiben, die sich mit einer Demokratie nur verwechsele und in der «verdeckt Faschistoides» weiterwirke.
Unkorrumpierbare Abneigung ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Einen Monat vor meinem achtzehnten Geburtstag schenkte mir meine Freundin eine Seite Nietzsche. Der Text begann: «Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen denn als Wanderer.»
Kurz darauf zog ich fort. In der Hamburger Kunsthalle verbrachte ich einige Stunden bewegungslos vor dem Gemälde «Der Wanderer...
Einer sehr pessimistischen Philosophie zufolge ist die Entfremdung in Gesellschaften der bei uns vertrauten Art so weit vorangeschritten, dass kein Rest bleibt, keine Regung, kein Wunsch und kein Begehren, die nicht die Imperative der vermarkteten und verwalteten Welt vollstrecken.
Das Bestechende an dieser düsteren Interpretation ist ihre Unwiderlegbarkeit. Wer...
Peter Zadek habe ich, ehrlich gesagt, so kennengelernt: Es gab ein Gastspiel des Hamburger Schauspielhauses mit «Othello» in Stuttgart in den 70ern, als wir noch mit Claus Peymann dort waren. Und so eine Art von Theater hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Ich war völlig begeistert, um nicht zu sagen geschockt, weil ich dachte: Hier sind gar keine...
