Tote Katzen und Zwischentöne
Diese erwachsenen elternlosen Kinder sieht man oft. Dennis Kellys «Waisen» werden auf deutschen Bühnen seit drei Jahren viel gespielt. Kleine Besetzung, zugespitzte Themen, das Richtige für ein schrumpfendes Milieu, das sein gutes Gewissen daraus bezieht, dass es bereit ist, sich ein schlechtes Gewissen machen zu lassen: die selbstkritischen deutschen Theaterbesucher. Sich verunsichern zu lassen, gehört zu unseren Vergnügungen.
Dennis Kelly hat uns viel zu sagen: Ihr ahnungslosen, in eure Beziehungskisten verkapselten Wohlstandsmittelbürger, macht eure Augen auf und seht die blutige Welt, wie sie wirklich ist. «Es gibt tote Katzen», sagt Waisenbruder Liam in Kellys Stück. Täter sind Opfer, werden zu Tätern gemacht. Die Welt ist zu schlecht, um Kinder in die Welt setzen zu können. Auch der aufgeklärte Vernunftmensch pfeift auf die universalistische Moral. Wenn es ernst wird, regrediert er zur Sippenmoral des Pleistozän. In jedem guten Menschen steckt auch ein Folterer.
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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Chronik: Bonn/Oberhausen, Seite 61
von Gerhard Preußer
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