Tausend Warums
Für den Titel ihres neuen Stückes greift die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic tief in die Begriffskiste der religiösen und spirituellen Mythologie: Dort steht «Barbelo» mal generell für (religiöse) Offenbarung, mal, wie bei den Gnostikern, für «die Mutter alles Lebenden», und schließlich wird damit schlicht und sehr konkret auch die Gebärmutter bezeichnet. «Barbelo» also als eine Art Quelle der Welt: der weibliche Unterleib, der Leben spendet und der Beginn von allem ist.
Biljana Srbljanovics «Barbelo» ist in diesem Sinne zunächst ein Stück über Mütter und über den Wunsch, Mutter zu sein. Und es ist im Kern eine Familiengeschichte, die von komplizierten Verhältnissen handelt: Von Marko, dessen Frau gestorben ist, von seinem zu dicken Sohn Zoran und von Milena – Markos neuer Frau und Zorans Stiefmutter –, die sich so sehr ein eigenes Kind wünscht, aber nach einer fälschlich diagnostizierten Schwangerschaft dann doch nur einen Hund bekommt. Und auch sie, die verhinderte Möchtegern-Mutter und Stiefmutter, hat selbst eine Mutter: Mila, mit der sie einen endlosen Dialog in Briefen führt, der eigentlich ein Monolog ist und ein unerhörter Schrei nach Liebe, weil Milena auf ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 178
von Thomas Laue
Prolog
Wie sich im Laufe des letzten halben Jahres herausgestellt hat, gibt es keinen Sektor des Lebens, der Kultur, der Politik, keine Betätigung zwischen Fußball und Fallenstellen, die nicht ihr 68 gehabt hätten. Die hinter uns liegende Zeit besonders intensiver Debatte darüber, was das eigentliche 68 gewesen wäre, das Wesen von 68 nämlich, im Gegensatz zum...
Hinlänglich dechiffriert ist der heimlich religiöse Subtext aller politischen Ideologie – die Aufhebung der Mühsal am Ende aller Zeit, am jüngsten Tag, am Ende des Kampfes, am Ende der Welt, am Ende der Revolte. Kurz mag das Religiöse also im Politischen Zuflucht gefunden haben, um bald darauf wieder ohne Obdach auf der Straße zu stehen. Aber zum Glück gibt es ein...
Verabredet waren ungefähr zehn Minuten. Zehn Minuten am Handy; fünf, sechs Sätze über Constanze Becker. Sven Lehmann, Beckers Kollege vom Deutschen Theater Berlin, ruft schließlich aus seinem verdienten Jahresurlaub an.
Es wurden dann exakt 43 Minuten. Ohne Punkt und Komma. Hymnenverdächtig. In Gerhart Hauptmanns «Ratten», inszeniert von Michael Thalheimer, spielt...
