Komplett immun gegen Glamour und Gloria
Verabredet waren ungefähr zehn Minuten. Zehn Minuten am Handy; fünf, sechs Sätze über Constanze Becker. Sven Lehmann, Beckers Kollege vom Deutschen Theater Berlin, ruft schließlich aus seinem verdienten Jahresurlaub an.
Es wurden dann exakt 43 Minuten. Ohne Punkt und Komma. Hymnenverdächtig. In Gerhart Hauptmanns «Ratten», inszeniert von Michael Thalheimer, spielt Lehmann Beckers Mann, den Maurerpolier John.
Und falls es ihm (was natürlich nicht der Fall ist) an eigenem Berufsehrgeiz mangeln würde, ruft Lehmann ins Handy, würde er sich in dieser Rolle schon allein für die Becker anstrengen. Quasi aus purem Egoismus: Um sich – der alten Theater- und Fußballweisheit folgend, dass niemand unabhängig von den Steilvorlagen der Kollegen ist – nicht um das Erlebnis zu bringen, wie die Becker einem in diesem Berliner Prekariatsdrama «das Herz öffnet».
Theoretisch spielt Constanze Becker die Tragödie der Jette John, die sich aus hochnottragischen Gründen in illegale Adoptionshändel verstrickt, dadurch eine fatale Kettenreaktion auslöst und sich schließlich umbringt. Aber praktisch zeigt sie – und das trotz des abendfüllenden Berlinerns – die hoch über dem Hauptmannschen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Die Schauspieler des Jahres, Seite 116
von Christine Wahl
... für Bernd Wilms, den scheidenden Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, ist die diesjährige «Theater heute»-Umfrage unter 37 Kritikern: Zehn von ihnen krönen die Hauptstadtbühne, letztes Jahr noch auf Platz 2, zum Theater des Jahres (sieben sehen Frank Baumbauers Münchner Kammerspiele vorne; auf vielversprechenden dritten Plätzen mit je 3 Stimmen: die...
Manchmal findet sich, wenn man müde ist von der immer weiter anschwellenden Flut «Szenischen Schreibens» hierzulande, ein Text, der richtig Theater sein will. Und als griffen wir nach langem wieder zum Märchenbuch, werden wir verzaubert, vom Unterbewussten heimgesucht, entführt, von Äxten, Dämonen und der eigenen Familie bedroht, fahren wir in schrottreifen Karren...
Die Frage nach der Darstellbarkeit von Historie im Drama bewegt seit den «Persern» von Aischylos die Zuschauer. Schon Aristoteles meinte, das Drama sei das tauglichere Mittel, Geschichte zu begreifen, als die Geschichtsschreibung. Es ist nicht an die Fakten gebunden, sondern kann die zentralen Widersprüche, die zum Gang der Geschichte führen, in ihrem menschlichen...
