Heim zum Körper
Manchmal findet sich, wenn man müde ist von der immer weiter anschwellenden Flut «Szenischen Schreibens» hierzulande, ein Text, der richtig Theater sein will. Und als griffen wir nach langem wieder zum Märchenbuch, werden wir verzaubert, vom Unterbewussten heimgesucht, entführt, von Äxten, Dämonen und der eigenen Familie bedroht, fahren wir in schrottreifen Karren in Roadmovies ohne Automobil dem Permafrostboden Sibiriens entgegen. Juchuuuh! Unsere Herzen sind dann wieder aus Eis und Metall oder ein Loch in der Brust, die Bilder sind fette Gemälde, und über allem schwebt Gott.
Mit den Russen kommen wir heim, heim zum Körper. Ohne die deutsche Angst vor dem BILD, vor dem SYMBOL, vor der ROMANTIK. Heruntergerissen ist alles in die Gier, in die Erotik des Opfers, in die Darwinzeit. Menschen, rücksichtslos, scheinbar sinnlos agierend, mit allen Hunden gehetzt und mit ausreichend Spott begabt. Solch ein Stückchen ist «Juli» von Iwan Wyrypajew.
Darin morpht ein Körper sehr interessant über einen Monolog und wird am Schluss in einem Sarg abtransportiert. Der Körper ist selbstverständlich ein Gesellschaftskörper, der Sarg ist (natürlich) kein ordinärer, denn er steht in Archangelsk, und ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 182
von Uwe Bautz
Eine junge Frau begegnet einem Koffer: «Sein Griff, sein langer Griff, zieht meine Hand an. /Passgenau. / Ich geh weiter. / Einfach weiter. / Der Koffer rollt hinter mir her. / Leise und leicht.» Das Bild vom Koffer, der sich offenbar eine neue Herrin sucht, erschien mir sofort einleuchtend, vielleicht weil ich als Kind bei jedem scheinbar herrenlosen Hund hoffte,...
... für Bernd Wilms, den scheidenden Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, ist die diesjährige «Theater heute»-Umfrage unter 37 Kritikern: Zehn von ihnen krönen die Hauptstadtbühne, letztes Jahr noch auf Platz 2, zum Theater des Jahres (sieben sehen Frank Baumbauers Münchner Kammerspiele vorne; auf vielversprechenden dritten Plätzen mit je 3 Stimmen: die...
Hinlänglich dechiffriert ist der heimlich religiöse Subtext aller politischen Ideologie – die Aufhebung der Mühsal am Ende aller Zeit, am jüngsten Tag, am Ende des Kampfes, am Ende der Welt, am Ende der Revolte. Kurz mag das Religiöse also im Politischen Zuflucht gefunden haben, um bald darauf wieder ohne Obdach auf der Straße zu stehen. Aber zum Glück gibt es ein...
