Taiga en miniature
Graugriesige Gruben, ausgekohlter Kiefernwald und Steppe ringsumher. Tschechows Familie Prosorow lebt «am Fluss», hier schwärmt Werschinin (Alexander Wulke) «vom See», heute die schönste Perle der Braunkohlen-Renaturierung. Doch auch hier atmet hundert Jahre nach Tschechows Tod noch immer Provinz: Taiga en miniature. Ausstatter Tobias Wartenberg braucht nur ein flaches Podest, platziert zwischen zwei Zuschauerblöcken. Ein paar dunkle Holztische, simple Stühle dazu, deren anfangs akribische Anordnung nach und nach durcheinander gerät.
Einzig ein schillernder Kronleuchter kündet von vergangener Pracht, ein weißes Tischtuch leuchtet im Glanz des sonnigen Maientages. Zwischen Rollensituation und dem Platz am Klavier wechselnd, sorgt Tusenbach, der Baron, für die schwermütig-elegante Atmosphäre, die Vergangenes kultiviert.
Sonst gehört aller Raum den Schauspielern. Regisseur Sewan Latchinian hat seine Truppe zum Widerstand beflügelt. Nicht, dass sie sich nicht an den Sehnsuchtsschrei «Nach Moskau» klammerte, aber Hilflosigkeit schrumpft nicht zu Resignation, Jammern wird nicht zugelassen. Als wüssten sie, dass durch Anpassung, Unterwerfung, Sich-Einrichten in der Depression zum ...
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Der Anfang des Fünfteilers ist für Polen eine Schmerzstelle: «Wir lagen zwischen Moskau und Berlin ... Zweitausend Kilometer weit Berlin / Einhundertzwanzig Kilometer Moskau», denn das besetzte Polen kommt in Müllers Stück über die Spur der Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg mit keiner Silbe vor. Im Teatr Polski wird diese Eröffnung unzählige Male wiederholt und auf...
1929 war das ein veritabler Theaterskandal: In Erwin Piscators Volksbühnen-Uraufführungsinszenierung von Walter Mehrings «Kaufmann von Berlin», einer auch unter Juden spielenden Persiflage auf Inflationsgewinnler, warfen SA-Männer Stinkbomben. Aufruhr ist kaum zu erwarten, wenn Frank Castorf 80 Jahre später ebenda eine Neuauflage versucht.
Trotzdem eine löbliche...
