Stimmen im Kopf
Man sollte mal wieder Hannah Arendt lesen. Danke, Programmheft des Hamburger Schauspielhauses. In dem stehen zur Begleitung von Karin Henkels Dostojewski-Inszenierung «Schuld und Sühne» Auszüge aus einer Vorlesung, die sie 1965 in New York hielt: über die Notwendigkeit des Selbstgesprächs zur Konstituierung als Person. Nur wer mit dem Anderen in sich selbst spricht, kann ein Ganzer werden. Und nur er kann sich erinnern und damit ein zivilisierter Teil der Gesellschaft sein. Denn «die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern ...
, ohne Erinnerung kann sie nichts zurückhalten.»
In Karin Henkels Inszenierung ist es nicht nur ein Dialogpartner, der im Kopf des Mörders Raskolnikow herumspukt und ihn daran hindert, sich die Ermordung der gierigen Pfandleiherin und ihrer Schwester als die notwendige und legitime Tat eines Außerordentlichen schönzureden, der ein Prinzip und keine Menschen getötet habe. Schon bei der Inszenierung des ersten «Schuld»-Teils im Februar 2014 hatte Karin Henkel Raskolnikow auf sechs Körper und Stimmen verteilt, damals noch als ironischer Kommentar auf die Vorläufigkeit der Dostojewski-Halbierung, die der Lahmlegung der großen Bühne durch den ...
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Theater heute Juli 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Barbara Burckhardt
«Ab jetzt bestimmt die Fiktion die Wirklichkeit!» Der Mann mit der Pelzkappe reißt das Fenster zur Straße auf. Eine frische Brise, Autolärm und Vogelzwitschern dringen in den stickigen Theaterraum hinein, und er brüllt hinaus: «Wir lassen uns von Gott nicht mehr umbringen!» Mit Revolvern hatte der Bärtige, der Anarchist Michail Bakunin, zuvor in den Theaterhimmel...
Ungefähr zur Pause ist dann die Luft raus. Aus der mittelgroßen Hüpfburg, die einen Gutteil der Bühne im Kleinen Haus des Bremer Theaters einnimmt und nach 90 Minuten leise zischend in sich zusammensackt. Aber auch aus Anne Sophie Domenz’ Uraufführung von Thomas Melles «3000 Euro», die bis zu diesem Punkt einen ganz eigenen Blick auf die Vorlage hat und dann ein...
Ein Stoffhund, der zu Beginn hinter einem Rollator her auf die Bühne geschleift wird und dort als kurioses Gesprächsthema zweier tüddeliger alter Damen herumliegt – kann der einem ans Herz gehen? Aber ja: Während der zweieinhalb Stunden, auf die Mario Salazars Episodenstück am Theater Baden-Baden komprimiert ist, plaudern Catharina Kottmeier als Waltraut und Nadine...
