Spätmoderne Zeiten
Eigentlich geht es Fräulein Agnes allerbestens: keine größeren finanziellen Sorgen, eine schöne Altbauwohnung, ein reiches Kulturleben, das sie in einem gerngelesenen Blog mit ihren Mitmenschen teilt, ein junger Liebhaber, über dessen gelegentlich anderweitigen Interessen sie großmütig und weise hinwegsieht. Kurz: Fräulein Agnes lebt im kulturbürgerlichen Paradies auf Erden.
Was jedoch leider nicht besonders zu ihrer persönlichen Zufriedenheit beiträgt.
Wie jeder gute Menschenfeind seit Molière kippt sie schon in ihrem ersten Monolog, einem vernichtenden Wutblutsturz, kübelweise Verachtung auf die lokalen Künstler, Salons, Kunstvereine und andere Kulturbetriebsnotwendigkeiten und analysiert das schöne, bunte, aufgeklärte Kreativ- und Reflexionsmilieu, deren eindrucksvoller Leuchtturm sie ist, mit ausdauernder Wahrheitsliebe in Grund und Boden. Von Freitagabend bis Sonntagvormittag – von der Autorin peinlich genau dokumentiert – pointiert sie dabei mit schneidender Intelligenz ihren ganzen, nicht unerheblichen Bekanntenfreundeskreis aus ihrem Leben heraus.
Rebekka Kricheldorfs «Fräulein Agnes» ist vermutlich die eindrucksvollste und treffsicherste intellektuelle Selbstabschaffung ...
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Theater heute Mai 2018
Rubrik: Best of ... Mülheimer Stücke, Seite 20
von Franz Wille
«Warum schweigen Sie denn die ganze Zeit?», fragt die Prüfungskommission der Universität Arizona den 18-jährigen Hal Incandenza mit wachsender Ungeduld. Offensichtlich hat der hochbegabte Tennisnachwuchs nicht nur ein ernst zu nehmendes Kommunikationsproblem, auch Selbst- und Fremdwahrnehmung driften auseinander: «Ich bin hier drin. Ich bin nicht, was Sie sehen.»
...
«Empört euch!», dieser Appell war 2010 noch positiv besetzt, als Stéphane Hessel, UN-Diplomat und ehemaliger Résistance-Kämpfer, seinen gleichnamigen Essay veröffentlichte. Aus heutiger Sicht ist die Wortwahl ein ziemlicher Fail. Empörung ist in den sozialen Netzwerken zur Standardtonalität geworden. Im Normalfall verpufft sie dort, im schlechtesten führt sie zur...
Zweifellos gehört es zu den gelungenen Inszenierungen der Lilienthal-Kammerspiele, den eigenen Abgang zu einer Querelle des Anciens et des Modernes zu stilisieren, mit sich selbst in der Rolle des unverstandenen Erneuerers und der Münchner CSU-Stadtratsfraktion als kleingeistig kläffenden Kultur-Dackeln mit beschränktem Quoten-Horizont. Gewiss muss es von außen...
