Berlin: Tod in der Mikrowelle
«Warum schweigen Sie denn die ganze Zeit?», fragt die Prüfungskommission der Universität Arizona den 18-jährigen Hal Incandenza mit wachsender Ungeduld. Offensichtlich hat der hochbegabte Tennisnachwuchs nicht nur ein ernst zu nehmendes Kommunikationsproblem, auch Selbst- und Fremdwahrnehmung driften auseinander: «Ich bin hier drin. Ich bin nicht, was Sie sehen.»
In David Foster Wallace legendärem «Unendlichen Spaß», der auf 1.
410 Romanseiten plus 388 Anmerkungen nicht hält, was der Titel verspricht, mündet diese erste Szene (erzählchronologisch eigentlich die letzte) in stationärem Gewahrsam. Hals Nervenzusammenbruch fördert erste Bewusstseinssplitter an eine Erzähloberfläche, die sich in Rückblenden zu einem beeindruckenden Panorama beschädigter Menschen auffächert. Dabei erweist sich die US-amerikanische Kulturindustrie der 1990er Jahre, die Wallace in die Zukunft denkt und in ihre satirische Überspitzung, als solides Fundament für ein zutiefst unglückliches, weil komplett sinnentleertes Leben.
Die darunter leidenden Menschen seziert Wallace in drei Handlungssträngen unerbittlich, aber mit absurdem Humor: Der Nachwuchs arbeitet sich am Leistungsdruck der Enfield Tennis ...
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Theater heute Mai 2018
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Anja Quickert
Alkmene schreit. Sie kreischt, sie bäumt und biegt sich. Sie taumelt ein paar Schritte, von einer Seite zur anderen. Sie ist schier besinnungslos vor Verzweiflung, steht ihr Gatte Amphitryon doch gleich zwei Mal vor ihr – ohne dass sie wüsste, welcher der beiden Männer im grauen Anzug der Wahre, der Richtige ist. Und als sie es zu wissen glaubt und dem anderen ihre...
Im Kleinsten steckt das Allergrößte, das wussten schon die Mystiker. Also zum Beispiel die Unendlichkeit in der Zahl Null. Oder, anderes Beispiel, das größtmögliche Desaster im winzigen Einsilber «Krieg». Der betitelt eine epochale Suada, die Rainald Goetz dem Theater 1986 vor den Latz geknallt hat (um es gleich mal in der richtigen Tonlage auszudrücken). Krieg...
«Empört euch!», dieser Appell war 2010 noch positiv besetzt, als Stéphane Hessel, UN-Diplomat und ehemaliger Résistance-Kämpfer, seinen gleichnamigen Essay veröffentlichte. Aus heutiger Sicht ist die Wortwahl ein ziemlicher Fail. Empörung ist in den sozialen Netzwerken zur Standardtonalität geworden. Im Normalfall verpufft sie dort, im schlechtesten führt sie zur...
