Am Nullpunkt
Im Kleinsten steckt das Allergrößte, das wussten schon die Mystiker. Also zum Beispiel die Unendlichkeit in der Zahl Null. Oder, anderes Beispiel, das größtmögliche Desaster im winzigen Einsilber «Krieg». Der betitelt eine epochale Suada, die Rainald Goetz dem Theater 1986 vor den Latz geknallt hat (um es gleich mal in der richtigen Tonlage auszudrücken). Krieg also. Und dann gute dreihundert Suhrkamp-Seiten später: «Still – Stirbt – Finsternis». Kantige Wörter an den Enden der Parabel.
Dazwischen aber, ganz wie in einer Parabel, genügt nicht die einzige Punktierung, sondern da muss sich alles und jedes potenzieren: Also nicht «Dreck», sondern «Dreck – Dreck – Drecksdreck». Ein Wortschwall sondergleichen zur Flutung der «Wahrheitsgaskammer Theater».
Im Auftakt des als Triptychon angelegten Werkes, «Heiliger Krieg» genannt, bietet Goetz ein Panoptikum des palavernden bundesdeutschen Bürgertums nach Machart von Karl Kraus’ «Die letzten Tage der Menschheit». Der Mittelteil «Schlachten» hält das Thomas Bernhardsche Lamento eines verhinderten Malers bereit, der statt in den Künstlerolymp in den Hafen der bürgerlichen Familie eingebogen ist. In der finalen «Kolik» kotzt sich dann ein ...
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Theater heute Mai 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 37
von Christian Rakow
Krzyzstof Kieslowskis filmischer Zyklus «Dekalog» war der Versuch, die Zehn Gebote mit der polnischen Alltagswelt der späten achtziger Jahre in Verbindung zu bringen. Wie sind die in Steintafeln gehauenen Moralgesetze, die der Bibel zufolge Moses einst auf dem Berg Sinai von Gott erhielt, in einer bröckelnd sozialistischen und doch zutiefst katholisch geprägten...
Unser Leben wird in ein Vakuum gesaugt», stellt Idil Baydar auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses fest und lümmelt sich in einem samtroten Plüschthron zurecht. «Das entsteht», analysiert sie sich gedankenscharf durch Elfriede Jelineks jüngsten Text «Am Königsweg», «wenn für uns nichts mehr übrig und alles auf der anderen Seite ist, wo feiste Ärsche die Wippe...
Alles fließt, manchmal schwebt es, aber immer greift alles nahtlos ineinander in diesem Abend im Chemnitzer Schauspielhaus. «Meister und Margarita» in einer meist sehr stringenten Fassung von Regisseur Malte Kreutzfeldt, der eine an den Titel angelehnte klare Zweiteilung des Abends vornimmt. Die ersten 80 Minuten bis zur Pause sind dem namenlosen Meister (Andreas...
