Selbst ist das Gesicht
Wie viel Selbst steckt im Gesicht? Kein anderer Körperteil zeigt sich dem Betrachter so nackt und natürlich, und keiner wird so sehr mit Charakter, Eigenschaften oder Innenleben seines Trägers identifiziert. Auch gibt es kaum eine andere Körperoberfläche, die so permanent auf Kommunikation und Selbstdarstellung ausgerichtet ist. Schon beim morgendlichen Blick in den Spiegel hilft oft nur Skepsis: Das soll ich sein?
Solchen Grundfragen geht der Kunsthistoriker Hans Belting in seinem Buch «Faces» nach.
Das Gesicht als Repräsentationsfläche ist eine unerschöpfliche Landschaft, deren Vermessung, Gestaltung und vermeintliche Natürlichkeit die Porträtmalerei seit Jahrhunderten beschäftigt. Zumal die jeweiligen historischen Kulturen den Gesichtsraum ganz unterschiedlich definieren. Gesichtsausdruck und Gesichtsarbeit unterliegen wechselnden Darstellungskonventionen, die festlegen, was als authentisch gilt und was als Täuschung, was als Selbst und was als Maske. Wobei Wahrheit von Täuschung auch nur halbwegs trennscharf zu unterscheiden sind, wenn das unverstellte Selbst irgendwo festzumachen wäre. Aber wo? Vielleicht im Gesicht?
Beltings kenntnisreiche Vermessung von zwei Jahrtausenden ...
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Theater heute April 2013
Rubrik: Magazin: Bücher, Seite 71
von Franz Wille
Als vor zehn Jahren das erste «100° Berlin»-Festival über die Bühnen des HAU und der Sophiensaele tobte, war alles Tohuwabohu. Ehrgeizige Theaterwissenschafts–studentInnen brannten darauf, vor Publikum ihr frisch erworbenes Wissen anzuwenden, hochmotivierte Dilettanten präsentierten ihre Passionsspiele, ergraute Szene-Hasen, denen nach Jahren der Förderhahn...
Alles ist verzerrt. Eine Landschaft aus Sitzmöbeln auf weißem Teppich füllt das Braunschweiger Kleine Haus über den gesamten Zuschauerraum bis an die ebenfalls mit weißem Stoff bespannten Wände der Bühne aus. Dazwischen eine einzige Wohnzimmerlampe, ein Flügel und überall Zuschauer, die schon vor Beginn der Show von Tochter Isabelle (Ursula Hobmair) zum Eintreten...
Man muss genau hinschauen, wenn man der Kommunalpolitik ihren eigenen Heroismus ablesen will. Etwa so wie Rimini Protokoll anno 2005 in ihrer Schiller-Adaption «Wallenstein», in der sie den von eigenen Mannen gestürzten Stadtrat Dr. Sven Joachim Otto als Wiedergänger des kaiserlichen Generals vorstellten. Noch tiefer im lokalen Handgemenge erkennt man das...
