Schauervariationen
Das Fräulein macht in der Geschichte der menschlichen Art nur kurz Karriere. Es entsteigt dem 19. Jahrhundert schüchtern als Vorbotin weiblicher Eigenständigkeit, wird Anfang des 20. Jahrhunderts in der zu mieser Hochform auflaufenden Männerwelt zerrieben, um sich dann, in der zweiten Hälfte des Säkulums, in die Frau zu verwandeln und zu sich selbst zu kommen. In den Übergangsjahren aber, am Anfang des 20.
Jahrhunderts, als die Männer in der Wirklichkeit alles taten, um dem Fräulein das Leben nach allen Regeln der Kunst zu vermiesen, trat dieses Zwitterwesen zwischen Mädchen und Frau in der Literatur massenweise auf, immer bei Männern, bei Kafka und Canetti etwa, oft auch in der dramatischen Literatur, wie bei Schnitzler und Horváth.
Als ein Höhepunkt dieser Intensiv-Phase der Fräulein-Literatur darf «Glaube Liebe Hoffnung» gelten, wo ein Fräulein eben alle Hoffnung, alle Liebe und allen Glauben fahren lassen muss. Fräulein gibt es bei Horváth mehrere, aber so trostlos wie das Fräulein Elisabeth hat es keine getroffen. In ihr regt sich zaghaft die weibliche Selbständigkeit und offenbart sich schonungslos die Verlorenheit, mit der das Leben das Fräulein strafen kann: Sie verstrickt ...
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Theater heute November 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Peter Michalzik
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