Richtig doof ablachen
Immer wieder wird an einen Intendanten, so jedenfalls meine Erfahrung, der Wunsch herangetragen, etwas zu produzieren, wo man «so richtig doof ablachen» kann. Man fragt sich: Wo kommt dieser Wunsch her? Die Menschen, die es sich wünschen, über etwas «richtig doof abzulachen», könnten sich diesen Wunsch ja leicht erfüllen, indem sie in den Spiegel gucken. Offensichtlich steckt sowohl in dem Begriff «Ablachen» als auch in dem Adjektiv «doof» als Steigerung von «Ablachen» etwas Lustvolles, was man alleine mit sich selbst nicht zustande bringt.
Denken scheint das Gegenteil zu sein! Denken und die Wahrnehmung der Vielschichtigkeit von Dingen und Menschen wird als lustfeindlich erlebt. Offensichtlich geht es um Faulheit: Faulheit der Wahrnehmung, Faulheit des Denkens, Faulheit sich selbst gegenüber. Es manifestiert sich hier ein Wunsch nach einer vereinfachten Welt, im Wissen, dass es so nicht ist. Es ist ein tendenziell totalitärer Wunsch: Alle sollen über das Gleiche doof ablachen! Es soll keine Unterschiede zwischen Menschen geben!
Dabei gibt es kaum etwas, was den Menschen mehr positiv stimuliert, als die Unterschiede und damit auch die Ungerechtigkeit der Natur. Das finden wir bei ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Peter Carp, Seite 15
von Peter Carp
Die serbische Autorin Biljana Srbljanovic wurde im Januar 2010 ans Wiener Burgtheater eingeladen, um dort in der Reihe «Kakanien – Neue Republik der Dichter» eine Rede über neue Identitäten auf dem Gebiet der alten Donaumonarchie zu halten. Es ist eine beeindruckend persönliche Rede geworden, in der sie über den Tod ihres Vaters spricht. Dessen Biografie durch alle...
Ich komme gerade aus der 55. Vorstellung von «Verrücktes Blut» im Ballhaus Naunynstraße. Es ist der vorletzte Abend der Spielzeit und eine Premiere für vier Umbesetzungen. Rahel Jankowski, Erol Afsin, Emre Aksizoglu und Gregor Loebel sind in feste Ensembleverträge in Düsseldorf oder in Schauspielschulen nach Bern und Essen gegangen, Hasan Akkoush, Pinar Erincin,...
Als Sie alle das «Verrückte Blut» im vergangenen Jahr herausgebracht haben, tobte gleichzeitig die Sarrazin-Debatte. Ihre gefeierte und auch beim Berliner Theatertreffen gezeigte Aufführung handelt von einer konfliktgeladenen Schulklasse und spielt mit den Klischees, aber auch den Wahrheiten von muslimischen Macho-Jungs und vermeintlich unterwürfigen...
