Nürnberg: Fliegender Wechsel
Shakespeare für Eilige, für Manager oder zum Einschlafen: Die Sucht, Klassiker einzudampfen und zu kompilieren, treibt aberwitzige Blüten. Zur Erweiterung des Zitatenschatzes und der Halbbildung wird da Weltliteratur zerpflückt und zerstückelt und in Häppchenform weitergereicht. Das Theater macht mit: Als eine Art Hochkultur-Medley kamen da schon mal «Sämtliche Werke» des Engländers an einem Abend auf die Bühne – mit dem neckischen Zusatz «leicht gekürzt». Was das soll, danach fragt längst keiner mehr. Dichtung als Schnellimbiss.
John von Düffel ist an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig. Fürs Nürnberger Staatstheater etwa hatte er bereits Sophokles, Euripides und Aischylos in einem Best-of der frühen griechischen Katastrophen zusammengefasst («Ödipus/Stadt»). Jetzt also Shakespeare. «Römische Trilogie» nennt er die Arbeit, die sich inhaltlich bei den Tragödien «Coriolan», «Julius Cäsar» und «Antonius und Cleopatra» bedient und dabei den Umgang mit Herrschaften und den Missbrauch von Macht thematisiert (unter dem Titel «Romeinse tragedies» hatte das die Toneelgroep aus Amsterdam in der Regie von Ivo van Hove schon mal gemacht, aber viel eigenständiger und losgelöster von den ...
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Theater heute Februar 2017
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Bernd Noack
In Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Brecht-Inszenierung vom «Untergang des Egoisten Johann Fatzer» am Berliner Deutschen Theater gibt es eine (Video-)Szene, in der Andreas Döhler als Fatzer über die Warschauer Brücke irrlichtert. Der Schauspieler – seit acht Jahren Ensemblemitglied am DT – attackiert dort in einer erfrischend aggressiven Mischung aus...
Monotones, dumpfes Wummern, schier endloses, auf- und abschwellendes Gebrumm, bevor der Vorhang sich öffnet, soll die Zuschauer schon vorab in die Verzweiflung treiben, die in Iwanows Kopf dröhnt. Dann auf der Bühne, ein Zimmerfragment: Stuhl, Tisch, Heizkörper (wir sind im kalten Russland), Neonlicht. Ein Mann bewegungslos im knöchellangen schwarzen Wintermantel...
Strahlend, freundlich, hell ist hier alles, eine Utopie scheint wahr geworden. Schwere Leiden und Schmerzen gibt es nicht mehr, Traurigkeit ist überflüssig. Doch die Leichtigkeit und Schönheit des Science-Fiction-Szenarios von Konstantin Küspert entzaubert sich, wenn man zu ahnen beginnt, was hier eigentlich abgeht.
Die Lebensfreude basiert auf einer Art Neufassung...
