Mitte im Untergangsrausch
Au weia.
Hat man so etwas nicht auch schon gesagt? Vom «blauen fleur de sel» geschwärmt, den Wein als «lecker» gepriesen, womöglich über die Vorzüge von Dinkel referiert? Über das Posing durch Postings auf sozialmedialen Kanälen gelästert, jemanden vorschnell des Antisemitismus verdächtigt, den womöglich einzigen Homosexuellen auf der Party ausdrücklich um seine Meinung als Schwuler gebeten und damit diskriminiert? Die erste halbe Stunde des Abendessens, zu dem in Thomas Ostermeiers Urauffüh- rung von Maja Zades «abgrund» die Prenzlauer-Berg-Eltern Matthias und Bettina einladen, lässt einen beständig zusammenzucken. Und es ist nicht nur Fremdscham, die hier angesichts des hohlen Smalltalktänzelns zwischen Lifestyle-Themen, politischen und moralischen Fragen keimt, sondern das dumpfe Gefühl, selbst schon mit solchen Floskeln hantiert zu haben.
Abgelauschter Smalltalk
In Maja Zades zweitem in dieser Spielzeit an der Berliner Schaubühne uraufgeführtem Theaterstück (nach der Genderverkehrungskomödie «status quo») gibt es keine Figuren, nur sehr genau realen Abendessen abgelauschte Repliken. Objets trouvés, sozuagen. Durch sie werden zwar nach und nach als Charaktere (das ...
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Theater heute Juni 2019
Rubrik: Neue Stücke, Seite 20
von Eva Behrendt
Ein wenig verwundert es schon, dass das Nationaltheater Mannheim jetzt ausgerechnet Heinrich Bölls «Ansichten eines Clowns» auf die Bühne bringt, einen Roman, dem der Mief der 1950er Jahre anzuheften scheint und der satt ist an gutmenschlicher Moral und Empörung, die heute nicht mehr so recht en vogue sind. Doch der passionierte Nonkonformist Hans Schnier, aus...
Die beste Szene wird man als Foto nirgends sehen: Das Ensemble steht splitternackt vorm Publikum und fordert es zu Atemübungen auf. Es geht um dieses «Wir lieben uns alle»-Atmen: «Wir sind Europa und niemand sonst. Wir stehen zusammen, nichts kann uns zerstören.» Ironie entlarvt Esoterik als Flucht in die kollektive Verantwortungslosigkeit: «Du hast es dir...
An diesem 30. April 1971 in der New Yorker Town Hall ist der amerikanische Schriftsteller und Aktivist Norman Mailer wirklich nicht zu beneiden. Als Moderator der Podiumsdiskussion «A Dialogue on Women’s Liberation» ist er sichtbar damit überfordert, seine vier Gesprächspartnerinnen (und das Publikum) zu disziplinieren. Sein legendärer männlicher Charme, der nur...
