Die Farbe der Tinte
An diesem 30. April 1971 in der New Yorker Town Hall ist der amerikanische Schriftsteller und Aktivist Norman Mailer wirklich nicht zu beneiden. Als Moderator der Podiumsdiskussion «A Dialogue on Women’s Liberation» ist er sichtbar damit überfordert, seine vier Gesprächspartnerinnen (und das Publikum) zu disziplinieren.
Sein legendärer männlicher Charme, der nur von seiner rhetorischen Brillanz noch übertroffen wird, stößt hier hartnäckig an Grenzen, die irgendwann eine klare, vernünftige Ansage erforderlich machen: Biologie sei zwar kein Schicksal, erklärt er den Feministinnen, aber eben doch die Hälfte davon. Diese Tatsache zu ignorieren, führe ganz unausweichlich zum schlimmsten aller Totalitarismen – dem linken. Darüber hinaus fehlten dem feministischen Denken ganz wesentliche Momente der Reflektion: nämlich die Schuld bei sich selbst und dem beachtlichen Reservoir an weiblicher Feigheit zu suchen, mit der Frauen ihr erbärmliches sklavisches Leben allgemein begrüßten, die fehlende Anerkennung, wie schwierig das Leben eines Mannes sei – und der erschreckende Mangel an Humor.
Dass sich die Nachwelt in der Ära #MeToo und Fourth Wave Feminism mit diesem kontroversen, aber auch ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2019
Rubrik: Festivals, Seite 35
von Anja Quickert
Gibt es eigentlich noch Intendantenabgänge ohne opulente Bildbände, in denen sich Episoden zur Ära verklären, geleistete Kulturarbeit im flüchtigen Theaterbetrieb als Coffeetable-Book auf Unsterblichkeit hofft? Noch heikler sind Jubiläen: 20, 30, 40 Jahre, sind das mehr als Zahlen? Das GRIPS-Theater hat auf dieser Schiene schon diverse Bücher herausgebracht, zum...
Am 30. Juni geht ein besonderes Kapitel in der Geschichte des Burgtheaters zu Ende: Karin Bergmann, die erste Frau an der Spitze der Burg, tritt ab. Fünfeinhalb Jahre vorher, im März 2014, hatte sie – mitten in der Spielzeit – ihr Amt angetreten. Nach der damaligen fristlosen Entlassung von Matthias Hartmann war Bergmann vom Kunstminister Josef Ostermayer (SPÖ)...
Eva Behrendt In den letzten drei Jahren, in denen ich selbst Mitglied der Theatertreffen-Jury war, war das Verhältnis Regisseure/Regisseurinnen in der Auswahl Dauerthema. Was hat Sie gerade jetzt dazu bewogen, eine weitreichende Veränderung wie die Frauenquote in die künstlerische Auswahl der zehn «bemerkenswertesten» Inszenierungen einzubringen?
Yvonne...
