Mannheim: Akute myeloische Leukämie
Am Ende hat Benjamin die Krankheit zum Tode überwunden. Der kleine Bruder, wie der 23-jährige Akin E. Sipal den Protagonisten seines zweiten Stückes nennt, muss mit der Diagnose «Blutkrebs» leben, und er tut das, soweit man mit einer derart tückischen Krankheit überhaupt leben kann. Der in Gelsenkirchen und Istanbul aufgewachsene Sipal hat mit «Santa Monica» eine Studie des Überlebens geschrieben und legt Wert darauf, dass eine so niederschmetternde Diagnose zwar einen Körper meint, letztlich aber den gesamten Familienkörper betrifft.
Das System stellt sich neu auf und schwankt zwischen Hoffnungslosigkeit und Kampfbereitschaft.
Die Stärke des Stücktextes liegt in der genauen Figurenzeichnung. Sipal beschreibt die Auswirkungen der Diagnose auf die Mitglieder einer türkisch-deutschen Familie und belebt die nüchternen Fakten mit ironischen Sprachbildern. «Agent Orange im Trojanischen Pferd / Bald gehe ich in Flammen auf / und die Rückstände meiner Asche / könnt ihr dann ins Kaffeeepulver mischen» (Kleiner Bruder). Damit der Text nicht im engen Rahmen der Krankengeschichte verharrt, sind die Figuren mit der Welt vernetzt. Die richtige Diagnose «akute myeloische Leukämie» wird nicht in ...
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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Jürgen Berger
Weitschweifig holt Chronist Gerrit Jansen in spießiger Buchhalter-Kluft vor dem großen Bühnenkarton aus, um die Wurzeln von Parzivals Menschwerdung zu klären. Ausgiebig werden die rastlosen Abenteuer seines flatterhaften Vaters Gahmuret erzählt, den es stets von den Frauen weg- trieb, ehe noch die Kinder geboren wurden. Erst nach und nach illustrieren leicht...
Was wir noch wissen vom Krieg? Nichts. Was stellt er an mit den Menschen, die ihn durchleben? Keine Ahnung. Theatertexte, die im Gefolge der jugoslawischen Erbfolgekriege geschrieben und aufgeführt wurden, markierten womöglich die letzte halbwegs konkrete Verbindung mit Mord und Totschlag aus politisch-ideologischen Motiven. So fremd und fern ist der Krieg, dass...
Zunächst einmal konnte sich der Gesprächsgegenstand ordentlich auf die Schulter klopfen: Kaum ein Zuschauer, der zur Diskussionsveranstaltung «Die Publikumsmaschine» in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg erschienen war, dürfte sich je ein derart spektakuläres Bild von sich selbst gemacht haben, wie es – befragt von der Radiomoderatorin Anja Caspary –...
