Manische Camp-Fantasien
In Deutschland haben Musicals eine üble Reputation. Wer erinnert sich nicht mit Schaudern an den Wahnsinn der Neunziger, als Busladungen voll Touristen sich in Hamburg und Düsseldorf schaurige «Cats»-Inszenierungen anschauten und Andrew Lloyd Webber mehr Schaden an der kulturellen Identität der Deutschen anrichtete als alle Zonen-Gabi-Poster und die Popband Ace of Base zusammen?
In Amerika dagegen, ob in Hollywood oder auf dem Broadway, wusste man eine gute Musik-Revue mit farbenprächtigem Kitsch und leuchtenden Stars schon immer zu schätzen.
Selbst die Liebhaber von Oper, Tanz und Avantgardetheater können fröhlich bei Songs aus «The Sound of Music» oder «Cabaret» mitsummen. Das hat mit der reichen Tradition des Genres zu tun und auch mit der Tatsache, dass viele gut gemachte Broadway-Musicals mehr Esprit versprühen als die übliche Lloyd-Webber-Nummer. Aber vor allem ist in Amerika, wie Susan Sontag einmal in ihren berühmten «Notes on Camp» beschrieb, eine ästhetische Sensibilität verbreitet, die es ermöglicht, Kitsch mitunter als guten Kitsch, das heißt als «Camp» zu genießen. Mit der Bereitschaft, den Mainstream auch mal gegen den Strich zu lesen, gibt man sich gerne gezielt ...
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