Man klatscht!

Der südamerikanische Theaterrevolutionär Augusto Boal, der am 2. Mai in Rio de Janeiro gestorben ist, konnte sich schon vor 28 Jahren über das europäische Publikum nur wundern

Theater heute - Logo

Als ich hier in Europa ankam, beeindruckte mich am meisten, dass es anscheinend überhaupt keine Zensur gibt. Später begriff ich dann, dass sie überhaupt nicht nötig ist. Über Subventionen Zensur auszuüben, Preise für Wohlverhalten statt Strafen für Aufmüpfigkeit, ist natürlich sehr viel eleganter. Aber etwas anderes finde ich schockierend, nämlich die Art, wie die Gesellschaft Stücke und Aufführungen vereinnahmt, die, so glaube ich zumindest, in Lateinamerika wie ein Erdbeben wirken würden. Ich denke da speziell an den «Mephisto» von Ariane Mnouchkine.

Bei der Brisanz des Themas hatte ich mit lautstarken Auseinandersetzungen, wenn nicht gar mit einem handfesten Skandal gerechnet. Und was geschah wirklich: Man klatschte. Mir kommen die Theaterzuschauer hier etwas blasiert vor. Man hat ja schon alles oder fast alles gesehen, zehnmal «Antigone», hundertmal «Hamlet». Was interessiert, ist nur noch, welchen genialen Einfall der progressive Regisseur diesmal hat.

Ich will keine Werturteile abgeben, keine ästhetischen Betrachtungen anstellen, aber mir scheint, dass der europäische Zuschauer sich bei all den exzellenten Aufführungen langweilt.

Ein bekannter französischer Schauspieler ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2009
Rubrik: Foyer, Seite 1
von

Vergriffen
Weitere Beiträge
Alternative Lyrik

Eigentlich dürfte er sich auf den Lorbeeren ausruhen, die er als Dramatiker, Dissident und Präsident erlangt hat. Müsste nicht mehr zu seinen Premieren anreisen und gute Miene zum schlechten Spiel machen. Könnte ja auch die Füße hochlegen und Gedichte schreiben. Will Václav Havel aber nicht!

Vor rund 20 Jahren hat er zuletzt ein Stück präsentiert, nun kehrt der...

Ein Schwarm Vögel

1.«Alles ist spielbar», hat Jürgen Gosch mal bei einem gemeinsamen Treffen mit Johannes Schütz und mir im Café Lubitsch gesagt. Oder genauer – um ihn vollständig zu zitieren: «Alles ist spielbar, solange es im Text vorkommt.»
Konkret ging es damals wohl darum, wie es wäre, wenn sich ein komplettes Ensemble von Schauspielern in einen Schwarm Vögel verwandelt. Oder...

Müllers Kind als Kult

«Passionsweg durch die Moderne» hat Brigitte Maria Mayer ihre Auseinandersetzung mit Müllers Text genannt, die sich auf drei Leinwänden in einer Art Filmessay, aber auch in zwei Räumen der Berliner Akademie der Künste abspielt, wo man unter anderem der Malerin Hui Zhang dabei zusehen kann, wie sie Tiepolos Würzburger Fresco «Apollo und die vier Kontinente» kopiert...