Laues Lüftchen
Jean Genets Reaktion auf die Uraufführung 1957 am Londoner Arts Theatre legt nahe, dass Peter Zadek damals ziemlich prall und heftig inszeniert haben muss. Der Regisseur, so Genet, habe weder den Geist noch den Text des Stückes geachtet, und überdies erwecke die Inszenierung den Eindruck, er, also Genet, «sei ein Skandalmacher und Pornograf». Donnerwetter, kann man da nur sagen und sich nicht wirklich vorstellen, wie Zadek die zum Teil drastischen Regieanweisungen, die Genet seinem «Balkon» mit auf die Reise gegeben hat, tatsächlich überboten haben soll.
Eine andere Frage ist, warum sich dieses mit gesellschaftlichen Rollen und historischen Umbrüchen spielende Stück derzeit in diversen Spielplänen wiederfindet. Nach dem Auftakt mit einem Festival der Zweitinszenierungen ist «Der Balkon» die erste größere Premiere des neuen Heidelberger Schauspiels. Von Regisseurin Claudia Bauer darf man annehmen, dass sie sich die Frage gestellt hat, was sie an diesem Stück interessiert, in dem die Gäste eines Bordells sich gemäß ihren geheimsten Wünschen kostümieren und einem vor dem Bordell tobenden Volksaufstand ausgesetzt sind.
Andererseits: Braucht es einen Grund, um sich einem Text zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2012
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Jürgen Berger
Julia Wieninger steht in einer Küche mit Umzugskartons und spielt Julia Wieninger, die gerade nach Köln gezogen ist. Sie erzählt, wie sie Hanna auf der Straße vor dem Theater angesprochen hat, nach wochenlanger Suche in Büdchen, Museen und U-Bahnen. Und dann klingelt es an der Tür, Julia Wieninger verlässt die Bühne – und kommt als Hanna wieder herein. Das Haar zum...
Letzte Nacht habe ich nicht geschlafen, weil am Ende meiner Straße so viele Hunde heulten. Am nächsten Morgen heißt es im Radio, dass es 18.000 von ihnen gibt. 18.000 streunende Hunde in einer Stadt. Als ich aus dem Fenster blicke, wühlt jemand in der Mülltonne. Die Tonnen stehen immer offen, auch wenn sie einen Deckel haben. Es ist ein Roma, der wahrscheinlich...
«Man kann einen Staat erst verstaatlichen, wenn er komplett bankrott ist» – diese aktuelle Sottise zur Euro-Krise stammt von Elfriede Jelinek und wurde 2008 geschrieben. Damals bezog er sich auf die Haftungsübernahme des österreichischen Staates für die wegen zweifelhafter Finanzaktionen in die Krise geratene Gewerkschaftsbank BAWAG. Jelinek hat mit «Die...
