Kurz vor der Erkenntnis
Ursprünglich hatte Charlotte Roos «Wir schweben wieder» mit dem Arbeitstitel «Brillen» überschrieben. Brillen stehen im Kontext des Stückes für eine bestimmte Weltanschauung, eine Haltung, eine gesellschaftspolitische Perspektive auf die Gegenwart. Sie stehen aber auch für mangelhaftes Sehvermögen, das die Autorin an einer Stelle als immer gleiche Kurzsichtigkeit «mit einer Hornhautverkrümmung am linken Auge» präzisiert.
«Wir schweben wieder» erzählt von fünf unterschiedlichen Typen unserer Zeit, die in komischer Verzweiflung durch das weltanschauliche Dickicht der Gegenwart irren und nach Durchblick suchen. Ansonsten verbindet die fünf erst einmal wenig. Wie einsame Satelliten umkreisen sie ein Thema, monologisieren, schrauben sich immer weiter in ihre Perspektive hinein und sind schließlich kaum mehr anschlussfähig.
Laura übersetzt auf dem Weltklimagipfel Brandreden des venezolanischen Präsidenten gegen die imperialistische Weltdiktatur, kann aber inhaltlich anscheinend nicht immer ganz folgen. Ihr dauerdepressiver Freund Carl leidet währenddessen an völliger Gleichgültigkeit: fehlende Energie, Motivationsverlust, erschöpftes Selbst. «Das wird schon wieder», echot sein Umfeld. ...
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Theater heute Jahrbuch 2013
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 177
von Franziska Betz
Als Karin Beier 2007 in Köln ihre erste Spielzeit als Intendantin begann, war nicht nur das Schauspiel Köln in einer unglücklichen Lage. Das deutsche Stadttheatersystem stand in der Kritik von zwei Seiten: zu teuer bei zu geringer gesellschaftlicher Resonanz, kritisierte die Kommunalpolitik (und deren Transmissionsriemen, die Kulturpolitik); zu unbeweglich, zu...
In Philipp Weiss’ Stücken treten massenweise Personen auf. Viele haben nur einen Auftritt oder eine kurze Szene zu verwalten, sind lediglich für Augenblicke Handlungsträger und kehren nie wieder. Ein Kosmos, wie von Paul Claudel ersonnen, tut sich auf: Zahlreiche Handlungsfäden und unterschiedlichste Figurenkonstellationen fügen sich, Szene um Szene, zu einem losen...
Es war ’ne doofe Idee. So ’ne typische Journalisten-Idee. Jetzt stapft Sandra Hüller mit energischen Schritten, die Silhouette schwankt leicht von links nach rechts, auf den Max-Joseph-Platz zu. Da, wo die Münchner Maximilianstraße ihren Anfang nimmt. Die weltberühmte Modemeile.
Wir sind zum Bummeln verabredet. Und zum Reden. Bummeln – natürlich ein Witz. Es ist...
