Kessel der Erinnerung
Die Außenwelt scheint verloren, doch von innen fängt alles erst an. Der Einsame im Krankenbett liegt bei Gralf-Edzard Habben (Bühne) auf einem Steg aus sterilen weißen Kacheln in einem Meer aus schwarzen Ascheflocken. Dann öffnet sich das Fenster hinter dem Todgeweihten mit metaphysisch-dunklem Rauschen und lässt die schwarz gekleideten, bleichgeschminkten Ahnen herein. Die Erinnerung an sie erweckt das «Ich» zum Leben und zum Schreiben.
«Immer noch Sturm» von Peter Handke, uraufgeführt durch Dimiter Gotscheff im Sommer 2011 in Salzburg unter einem grünen Konfettiregen, ist eine Geistergeschichte, in der ein Schriftsteller um seine Kindheitserinnerungen und seine Worte kämpft, aber auch eine slowenische Familie um ihre Sprache und Identität im «Deutschen Reich» – beides ist untrennbar verbunden.
Handkes vielleicht letztes großes Werk ist ein gewaltiger monolithischer Brocken, ein zutiefst privater Weltentwurf von 166 eng bedruckten Seiten, doch der Begriff «Textfläche» taugt hier nicht: Es ist eher ein theatralischer Roman, eine ganz eigene Gattung von Bühnen–vorlage. Es geht hier um große Themen wie Schuld und Sehnsucht, Verantwortung und Lebenskampf, darum, wie Vergangenheit in ...
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Theater heute Juni 2012
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Dorothea Marcus
Zunächst mal: Warm machen! Aus dem Orchestergraben tönen in unregelmäßigen Abständen die ersten Takte von Monteverdis «L’Orfeo» von 1607. Auf der Bühne häufelt ein glitter–geschminktes Girl im hautfarbenen Minikleid einen Kreis aus weißen Steinen auf, balanciert dabei auf schwindelerregenden Pumps, zumal, wenn sie sich ganz tief hinabbeugt und den Popo in Richtung...
Es geht ums Reden, Feiern, Austausch. Ums Kennenlernen und Befreunden. Und es geht ums Gewinnen. Für eine oder einen enden die sechs Tage des Wettbewerbs der Regieschulen in der Gaußstraßen-Dependance des Hamburger Thalia Theaters mit einer Urkunde und 10.000 Euro Produktionskostenzuschuss für die nächste Arbeit an einem deutschen Stadttheater oder in der Freien...
Manchmal träumt man ja auch im Theater davon, festgenagelt auf seinem Platz in der siebten Reihe: ganz nach vorne zu rücken, den Schauspielern auf die Pelle; aus nächster Nähe in diese Gesichter zu gucken, statt immerzu die mittelnahe Totale auf ihre Zeichen befragen zu müssen. Die Kamera zu sein, die sich heranzoomen kann an zuckende Lider, flattrige Hände, das...
