Karlsruhe: Kleiner Körper, große Wirkung

Johan Heldenbergh/Mieke Dobbels «The Broken Circle» (DSE) Suse Wächter «Unantastbar?» (UA)

Theater heute - Logo

Plötzlich steht da dieser kleine Körper auf der Bühne. Eigentlich ist Maybelle schon vor Stückbeginn tot: Ihr Name steht groß auf der Bühnenrückwand, der untere Strich des letzten Buchstabens zieht sich lang hin und bricht dann plötzlich ab wie ein Kardiogramm. Doch Regisseurin Anna Bergmann bringt die kleine Tochter des Musikerpaares Elise und Didier als verkörperte Erinnerung auf die Bühne. Allerdings nicht durch ein Kind dargestellt, sondern durch eine Puppe, mit unaufdringlicher Natürlichkeit geführt durch Julia Giesbert.

Damit erhält ihre deutschsprachige Erstaufführungsinszenierung eine Dimension, die weder im 2008 uraufgeführten Bühnenstück des belgischen Duos Johan Heldenbergh und Mieke Dobbels enthalten ist noch in der erfolgreichen Verfilmung durch Felix Van Groeningen 2013: Im Originaltext wird von dem Kind nur gesprochen, der Film zeigt es leibhaftig in Rückblenden. Bergmanns Entscheidung, eine Puppe auftreten zu lassen, vermischt diese Ebenen und schafft dadurch eine dritte: Die Interaktion zwischen den trauernden Eltern und ihrer erinnerten Tochter wirkt gerade durch diese Abstraktionsebene besonders berührend, da man sie als Zuschauer im Kopf ergänzt. Wenn ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2019
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Andreas Jüttner

Weitere Beiträge
Düsseldorf: Die Gemeinwohl-Falle

Politik ist nur Clownerie? Das scheint doch etwas plump gedacht. Es geht um Politik, so sehr wie in keinem anderen Shakespeare-Stück. Alle sind sie Clowns in Tilmann Köhlers Düsseldorfer Inszenierung – das wankelmütige Volk, die Volksvertreter, die nur ihre Funktion sichern wollen, die stolzen Aristokraten, der joviale Senator – alle meinen es ernst, aber alle...

Neue Stücke · Aufführungen (6/2019)

Neue Stücke

Ganz ohne Quote hat die Jury der Autorentheatertage dieses Jahr nur Werke von Autorinnen ausgewählt. In «ruhig Blut» 

von der studierten Philosophin (und Yoga-Lehrerin) Eleonore Khuen-Belasi denken drei Frauen in der Tradition von Beckett und Schwab über Welt und Wandel nach, die Uraufführung inszeniert Clara Weyde in Koproduk­tion mit dem Schauspiel...

Mitte im Untergangs­rausch

Au weia. Hat man so etwas nicht auch schon gesagt? Vom «blauen fleur de sel» geschwärmt, den Wein als «lecker» gepriesen, womöglich über die Vorzü­ge von Dinkel referiert? Über das Posing durch Postings auf sozialmedialen Kanälen gelästert, jemanden vorschnell des Antisemitismus verdächtigt, den womöglich einzigen Homosexuellen auf der Party ausdrücklich um seine...