Im Existenzgefängnis
Wer hätte gedacht, dass der legendäre Österreich-Hasser Thomas Bernhard einmal folgenden Satz geschrieben hat: «Mehr denn je ist heute das Brauchtum in unserem schönen Lande notwendig.» Oder diesen: «Solange der Bauer sät und die Bäuerinnen die Kinder einwiegen vor der Nacht mit guten Weisen, solang braucht uns nicht bange zu sein um die Welt.» Das erste Zitat steht in seinem Artikel «Der Advent wird eingeblasen» für die SPÖ-Zeitung «Demokratisches Volksblatt» vom 28.11.
1953, das zweite aus seinem Text «Die Landschaft der Mutter», veröffentlicht 1954 im «Handschreiben der Stifter-Bibliothek». Beide Funde aus Manfred Mittermayers akribischer neuer Bernhard-Biografie belegen, wie tief der ehemalige Salzburger Kaufmannslehrling mit literarisch-künstlerischen Ambitionen im postnationalsozialistischen Bauernkitsch verwurzelt war. Und beide belegen, wie sich Bernhards spätere Österreich-Verachtung auch aus solidem Selbsthass speist.
Mittermayers Zugriff auf Leben und Werk ist so paradox wie ertragreich, weil Bernhard-like. Er behauptet in bester T.B.-Manier, dass auf keinen Fall eine Erklärung von dessen Texten aus der Biografie vorgeschlagen werde – und unternimmt auf 450 hervorragend ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Bücher, Seite 52
von Franz Wille
Der Blick geht in Richtung Schnürboden, da oben schwebt etwas. Ein Engel? Oder doch nur das Ozonloch? Wir schreiben das Jahr 1986, die westliche Welt bewegt sich zwischen Milleniumsangst und radikaler Selbstvergewisserung. Kalter Krieg, konservativer Backlash, Umweltzerstörung schaffen eine fiebrige Atmosphäre, in der der Ausbruch der Aids-Epidemie wie ein Fanal...
Naomi und East haben schon länger über Nachwuchs nachgedacht. Doch der Säugling, der vor ihrer Tür abgestellt wurde, ist eine ziemliche Herausforderung. Noch keine Stunde alt, bittet er seine Wahleltern, ihn Christopher zu nennen, Augenblicke später befindet er sich mit unbändigem Wissensdurst in der Pubertät, schreibt Gedichte und löst mathematische Gleichungen....
Eines mehr oder eher weniger inspirationsarmen Arbeitsabends googelt die Ich-Erzählerin in Monique Schwitters Roman «Eins im Andern» ihre Jugendliebe. Die Trefferliste provoziert einen existenziellen Schock: Der Junge namens Petrus, mit dem die notorische Pumps-Trägerin zwanzig Jahre zuvor in geborgten Seehundstiefeln tiefwinterliche Silvesterlandschaften...
