Ideendämmerung
Russland lebt nicht nur für sich selbst, sondern für einen Gedanken, und du musst die bemerkenswerte Tatsache zugeben, dass Russland nun beinahe seit einem Jahrhundert nicht nur für sich lebt, sondern ausschließlich für Europa», reibt Werssilow alias Peter Miklusz seiner Geliebten, der extrem russisch aussehenden Gaunerin Alphonsine, unter die Nase.
Der verarmte Adlige und liberale Lebemann, der einst mit einer Dienstmagd ein Kind zeugte, nämlich den «grünen Jungen» Arkadi Dolgoruski, ist nach einer champagnerseligen Nacht neben der französischen Pelzblondine (Tiphaine Raffier) erwacht, einer temperamentvollen Joker-Figur, die souverän zwischen Deutsch und Französisch, Heiner-Müller-Texten, Baudelaire-Gedichten und Bismarck-Beschimpfungen hin- und herwechselt.
Auch der fünfte (und letzte) Dostojewski-Roman, den Frank Castorf diesmal am Schauspiel Köln inszeniert, spinnt einige der Lieblingsmotive des Dichters fort, allen voran den Großantagonismus seiner Zeit: das sich der kapitalistischen Moderne und der Ratio verschreibende Europa auf der einen, das immer noch feudale, tiefreligiöse, unfreie Russland auf der anderen Seite. Zwei Seiten, die ohne einander nicht können: «Allein ...
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Theater heute Januar 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 17
von Eva Behrendt
Wenn vor der Premiere die Intendantin auf die Bühne kommt, ist das meistens kein gutes Zeichen. Wenn vor der Premiere von «Die Revolution frisst ihre Kinder!» die Schauspielerin Evamaria Salcher auftritt und sich als Intendantin vorstellt, ist das die erste Pointe des Abends. Salcher behauptet nicht nur, Intendantin zu sein, sondern auch, dass die Premiere abgesagt...
Auf den Bühnen von Eimuntas Nekrosius war nie viel Licht – und das entsprach auch seiner Sicht der Dinge. Als der damals 37-jährige litauische Regisseur 1989 zum ersten Mal in Berlin gastierte, war kein Funken Glasnost-Begeisterung zu spüren. Gefragt, was er mit der neuen künstlerischen Freiheit anzufangen gedächte, meinte er lapidar: «Es ist wie mit...
Die US-amerikanische Dramatik ist belagert vom Produktionsdruck der Theater. Theater in den USA sind Privatunternehmen, keine öffentlichen Institutionen, und öffentliche Förderung gibt es nicht, so dass sie ausschließlich auf Einnahmen und Spenden angewiesen sind. Das führt zu dauerhaft prekären Arbeitsbedingungen wie Probenzeiten von lediglich drei Wochen,...
