Hinterm Horizont geht’s weiter
Als ich auf die Welt kam, lag die Welt in Asche. Ich wurde 1946 geboren. Ein halber Kontinent war zerbombt, und Millionen Menschen waren hingerichtet oder zwischen den Fronten getötet worden. Die deutschen Nationalsozialisten hatten gerade noch in ihren grenzenlosen Allmachtsfantasien gestoppt werden können. Mein Land, die Niederlande, war dank der Alliierten befreit worden. Nun gab es überall Trümmer und kaputte Seelen. Das größte Unglück seit Menschengedenken steckte der Welt tief in den Knochen.
Europa war am Nullpunkt: Jede Frau, jeder Mann, jedes Land fing erstmal wieder ganz bei sich selbst an.
Aus dieser Zeit stamme ich. Das heißt, in diese Zeit wurde ich hinein- geboren, und aus dieser Zeit wollte ich heraus. Meine Welt reichte nicht viel weiter als bis zur Tür meines Elternhauses und zu den Grenzen unseres kleinen Dorfes. Und ich glaube, so wie mir ging es damals vielen. Deshalb bin ich heute noch ein Dorfmensch und gleichzeitig immer auf der Suche.
Deshalb habe ich noch, als ich mehr als sechzig Jahre später Intendant der Münchner Kammerspiele wurde, diesen Satz zu unserem Motto gemacht: Wer sein Dorf nicht kennt, der kennt die Welt nicht. Meine Welt – und auch das ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen, Seite 6
von Johan Simons
Ein Raum in den Münchner Kammerspielen. Die beiden Schauspieler des Jahres fallen sich lachend um den Hals. Vor Jahren haben sie einmal zusammen am Wiener Burgtheater gespielt, in Jan Bosses «Othello»: Edgar Selge war Jago, Caroline Peters seine Frau Emilia. Das Ehepaar ist sofort wiederbelebt, als die Fotografin auftaucht. Edgar Selge zückt den Kamm: «Mit dieser...
TH Naika Foroutan, Sie sind Professorin für Migrations- und Integrationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität. Was machen Sie da eigentlich genau?
Naika Foroutan Ich bin, genauer gesagt, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik. Wenn man darin nach der Migrationsforschung fragt, muss man feststellen, dass das als klassisches Fach in...
Europa wahrhaftig zu verteidigen bedeutet, die Idee von Europa zu schützen und eben nicht die Grenzen. Konstantin Küsperts Stück kann als ein leidenschaftliches Plädoyer für ein (europäisches) Engagement gelesen werden. Was macht Europa aus, fragt das Stück, sind es die Werte der Aufklärung, die Werte von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Oder ist Europa nur...
