Herzensergießung und göttlicher Zorn
Romanadaptionen kränkeln häufig daran, dass sie sich mit dem Nacherzählen begnügen; die Schauspieler fungieren halb als Erzähler, halb als Rollenträger: Es sind die vielgeliebten Märchenstunden des zeitgenössischen Theaters. Der oft verkannte ukrainische Regisseur Andriy Zholdak dagegen macht keine halben Sachen; er haut nicht nur auf die Pauken, er stößt auch in die Trompeten. Bildlich und buchstäblich: Laute, enervierende Musik gehört unbedingt dazu. Aber was für eine Energie steckt in diesem Dostojewski-Abend! Vier Stunden voller Spiellust, voller Wehmut, voller Anarchie.
Fürst Myschkin, den alle für einen Idioten halten, weil seine Sanftmut und seine Offenheit nicht von dieser Welt sind, verliebt sich in zwei Frauen gleichzeitig – und das ganz ohne Arg. Aglaja, die jüngste Tochter eines Generals, ist hübsch, lieb und klug. Nastassja Filippowna, das sexuell missbrauchte «Ziehkind» eines Lebemanns, ist launisch, impulsiv, unberechenbar. Einmal – eine tolle Szene – wirft sie 100.000 Rubel in einen Ofen, um zu sehen, welcher ihrer Verehrer sich die Finger verbrennt, um sie zu erobern. Myschkin ist hin- und hergerissen zwischen Aglajas warmer Vernunft und Nastassjas herausfordernder ...
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Theater heute Dezember 2011
Rubrik: CHRONIK, Seite 50
von Martin Krumbholz
Mit neuer Dramatik sind Münchner Theatergänger in den letzten Jahren nicht allzu oft konfrontiert worden. Johan Simons pflegt an den Kammerspielen als Uraufführungen, ganz im Stil des Vorgängers Frank Baumbauer, vor allem Roman- und Filmbearbeitungen, wenn sich nicht gerade ein neues Werk von Elfriede Jelinek oder René Pollesch bietet oder Sebastian Nübling Lust...
Die Stadt haben die Schwestern sich als luftige Sehnsuchts-Skyline ganz oben ins Kinderzimmer gehängt, das Landleben läuft als stummes Baumrauschen auf dem Flachbildschirm, obwohl man es vor der Tür doch gefühlsintensiver hätte. Wie Aufziehpuppen hasten die Bewohner durch ihr Gut, das Theun Mosk im Schauspielhaus
Bochum über vier Etagen als pittoreskes...
Zum gerade gefeierten 70. Geburtstag hat ihm seine Frau eine Reise auf den Spuren der Kindheit geschenkt. Bevor Gert Voss aber zu Schiff ins Chinesische Meer stach, hat Ursula Voss nach den auf Band gesprochenen Lebenserzählungen ihres Schauspielermannes ein Buch in seinem Namen geschrieben: «Ich bin kein Papagei», Untertitel «Eine Theaterreise». Und natürlich...
