Geschichte von unten

Marc Becker «Jung und unschuldig»

Theater heute - Logo

Bei «Margot und Hannelore» war es ein vertracktes Wechselspiel um verlorene Identitäten auf der wackligen Grundlage einer kaum bewältigten und moralisch schwer kontaminierten Historie; bei «Wir im Finale» wurde dann schon das letzte noch auffindbare Quäntchen Selbstbewusstsein durch kollektives «Tooor»-Gebrülle hochgepuscht, und auf der La-Ola-Welle schwappte eine wie dusselig begeisterte wiedervereinigte Fangemein­de zu neuen Ufern; mit «Jung und un­schuldig» nun, dem letzten Teil seiner deutschen Befindlichkeits-Trilogie, wollte der Autor Marc Becker auf dem Umweg über längst

vergessene schlüpf­rige Vergangenheiten einen Schlüssel­loch-Blick in eine nun möglichst bessere Welt wagen: «Wir wollen doch spä­ter mal eine schöne Zukunft besitzen», sagt eine der Figuren. Aber da ist der Bummelzug in die blühenden Landschaften auch schon wieder abgefahren. Denn bevor es mal endlich so richtig losgehen könnte mit diesem Volk, ist es bereits hoffnungslos überaltert, und selbst der einst so ruckartige «Hallo-Deutschland»-Schlusssatz wirkt nur noch wie eine zahnlos gelallte Wunschvorstellung: «Alles wird geil …»
Dabei ist es zunächst mal alles andere als leicht (und leider auch nur ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2006
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
Platzende Herzen

Was hat die Mutter ihrem Sohn zu sagen, der auf seine Hinrichtung wartet? Eine zerbrechliche alte Frau stolpert langsam in Richtung Rampe, in ein wollenes Tuch gewickelt, Mitbringsel für ihren Jungen in der Hand. Zitternd und distanziert trifft sie ihn an. Eigentlich möchte sie ihm von ihrer Trauer erzählen, aber stattdessen entringt sich ihr eine kleinliche...

Liebe? Lieber nicht

Ohne Liebe geht es nicht. Nicht mal auf das Wort kann man verzichten. Aber, was nur meint man denn damit? «What we talk about when we talk about love» ist Raymond Carvers berühmteste Kurzgeschichte. Zwei Paare erzählen sich darin, mit alkoho­li­sierten Köpfen, Geschichten über die Liebe. Es sind vor allem Geschich­ten über Ex-Männer, Ex-Frauen. Eine Frau erzählt,...

Inszenierung von beschränktem Raum

Theater sind raumfressende Monster mit stetigem Ausbreitungs­drang. Notorisch leiden die Häuser, vielleicht mit Ausnahme der Opéra de la Bastille in Paris, unter permanenter Raumnot. In Bremen, wo sich das Mehrspartentheater am Goetheplatz in einem allzu engen Gehäuse zurechtrütteln musste, ist die Dramaturgie in besonderem Maße auf logistische Improvisationskünste...