Platzende Herzen
Was hat die Mutter ihrem Sohn zu sagen, der auf seine Hinrichtung wartet? Eine zerbrechliche alte Frau stolpert langsam in Richtung Rampe, in ein wollenes Tuch gewickelt, Mitbringsel für ihren Jungen in der Hand. Zitternd und distanziert trifft sie ihn an.
Eigentlich möchte sie ihm von ihrer Trauer erzählen, aber stattdessen entringt sich ihr eine kleinliche Schimpfkanonade: Wie er seiner Familie das antun konnte? Warum er um Himmels willen den Regierungsbeamten in die Luft jagen wollte? Wie sein Vater denn nun mit seinem rücksichtslosen Benehmen fertig werden solle? Kochend vor Zorn antwortet der Sohn. Zurück aus dem Gefängnis, verläuft die alte Frau sich verzweifelt und dem Wahnsinn nahe im Straßengewirr des alten Moskau, ihrer Geburtsstadt. Plötzlich erscheint ihr der Sohn, dreht sich im Takt eines traurigen Walzers und bringt einen Hochzeitstoast auf sie aus. Alles dreht sich in ihrem Kopf, bald verliert sie ihn ganz und sich selbst in diesem Alptraum, schließlich sehen wir einen Fremden ihren leblosen Körper aufnehmen.
Mindaugas Karbauskis’ Inszenierung der 98 Jahre alten Erzählung «Die sieben Gehenkten» von Leonid Andrejew im Moskauer Oleg-Tabakow-Theater ist ein ...
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Theater sind raumfressende Monster mit stetigem Ausbreitungsdrang. Notorisch leiden die Häuser, vielleicht mit Ausnahme der Opéra de la Bastille in Paris, unter permanenter Raumnot. In Bremen, wo sich das Mehrspartentheater am Goetheplatz in einem allzu engen Gehäuse zurechtrütteln musste, ist die Dramaturgie in besonderem Maße auf logistische Improvisationskünste...
Von Jovan Sterija Popovic (1806–1856) heißt es, er sei der serbische Nestroy. Seine bitter-ätzende Komödie «Die Patrioten» zeigt ein Häuflein untereinander zerstrittener Kleinbürger, von denen jeder den anderen für einen schlechten Patrioten hält, während es um Posten und Pfründe geht. Sterija muss nicht neu entdeckt werden, aber er hat gerade ein Doppeljubiläum...
Nichts fühlt sich blöder an in einem Kritikerleben, als wenn man gegen den Erfolg anschreibt. Dort entsetzt zu tun, wo viele andere entzückt sind. Quengeln, wenn die Quote stimmt. Man ist dann auf verlorenem Posten. Was soll man denn sagen, wenn einer in den ersten vier Monaten seiner Intendanz 23.000 Zuschauer mehr hatte als sein Vorgänger? Die Leute werden...
