Gera Bühnen der Stadt
«Das Problem ist doch nicht der Eisberg. Das Problem ist, dass wir eben nicht auf einem unsinkbaren Schiff gewesen sind. Der Eisberg zeigt doch nur die Realität! Das Hindernis lässt die Geschwindigkeit endlich erkennen.» Amina Gusner dockt ihre «Titanic»-Version von Beginn an in der Gegenwart an. Die Bilder und Geschichten des Jahrhundertmythos setzt sie als bekannt voraus, um eine Geschichte zu erzählen, die viel mehr mit dem Jahr 2012 zu tun hat als mit dem Anfang des letzten Jahrhunderts.
So kann die Geraer «Titanic» zu einem Kreuzer unter griechischer Flagge mit einem Gigolo-Kapitän werden, der auf seinem High-Tech-Schiff irgendwann die Furcht vor dem Meer verloren hat. Manuel Kressin als verjüngter Kapitän Smith in ahistorischer blauer Uniform will lange schlicht nicht glauben, dass sein Schiff sinken kann, welches er eben erst zu Gunsten steigender Aktienkurse gemeinsam mit Bruno Beeke als gestriegeltem, glatzköpfigen Präsidenten Ismay auf Höchstgeschwindigkeit getrimmt hat. «Was verstehen Sie denn davon? Sie sind einfache Seeleute, und hier geht es um Politik!» Irgendwer wird uns retten, mit über zweitausend Passagieren an Bord sind wir systemrelevant genug, um zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2012
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Alexander Kohlmann
Nach allem, was man von Schillers «Don Carlos» weiß, waren «die schönen Tage von Aranjuez», die zu Beginn des Dramas bekanntlich zu Ende sind, nicht besonders schön. Denn «Eure königliche Hoheit verlassen es nicht heiterer. Wir sind vergebens hier gewesen». Wer das sagt, ist übrigens nicht Prinz Carlos und auch nicht die von ihm geliebte Königin Elisabeth, sondern...
Wie schön wäre es, mit eigenen Anekdoten aufwarten zu können, mit Initiations–erlebnissen aus dem Kinder- und Jugendtheater der 1980er Jahre. Aber leider sind meine Erinnerungen an dieses Theater meiner frühen und mittleren Kindheit nahezu vollständig verblasst. Nicht einmal von zähen Schulpflichtbesuchen kann ich berichten, nicht von «pädagogisch wertvoller» oder...
Die Milch macht’s. Genau genommen die Muttermilch, die diesen Räuber-Knaben womöglich etwas früh entzogen wurde. Schlaff sitzen sie in Unterwäsche beieinander und putzen Stiefel, bis Vater Moor um die Ecke kommt, den Stubenappell abnimmt und sie gestreng in die Heia schickt. Später hocken die Buben in hautengen Lederhosen vor einem idyllischen Waldsee-Panorama,...
