Gelebte Heimatkunde
Herr Müller könnte einer jener Menschen sein, die zur Arbeit fahren, die Strecke wie die eigene Hosentasche kennen und kaum noch etwas wahrnehmen. Früh am Morgen sitzt er noch etwas zerstört in der Straßenbahn und hat alles schon tausendmal gesehen. Berührt hat ihn nichts. Passiert ist nie was, sieht man davon ab, dass die eine oder andere Fassade der Mannheimer Innenstadt gelegentlich von Gerüsten verstellt war. Keine Kulisse, die aus der Straßenbahnfahrt ein Frühsommermärchen machen würde.
Abends allerdings, wenn Müller von seinem Büro zurück zur Wohnung fährt, hat sich etwas verändert. Es braucht Zeit, bis er dahinter kommt, was ihn so seltsam berührt. Es sind diese Menschen, die plötzlich an der Seite der normalen Passagiere in der Straßenbahn sitzen und auf keinen Fall so zielgerichtet unterwegs sind wie er, sondern wie bewegungslose Flaneure die Aussicht genießen.
Sie haben Kopfhörer übergestülpt und werden ganz offensichtlich von periodischen Zuständen der Verzückung heimgesucht. Immer wieder lächelt einer von ihnen, als sei er an der letzten Haltestelle zum Buddhismus konvertiert. So was hat Müller noch nie gesehen, und man kann davon ausgehen, dass er vor einigen Stunden ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Eine Beschreibung François Ozons beginnt man am Besten mit einem Paradox: Er ist einer der erfolgreichsten französischen Regisseure der letzten zehn Jahre, aber er ist nicht sehr beliebt. Wo sonst Popularität bei einem gewissen Grad von Erfolg sich wie von selbst einstellt, klafft bei Ozon eine Lücke. Der 39-jährige gebürtige Pariser verfügt über keine...
Man wartet ja immer auf das Stück zur Wende, zur Klimakatastrophe oder zum Terrorismus. Jetzt haben wir eins, und dafür ist es sogar ziemlich gut (nachzulesen auf den Seiten 68–81 in diesem Heft). Simon Stephens betritt den 7. Juli 2005, den Tag, als in London 52 Menschen durch Bombenanschläge in U-Bahnen und einem Bus starben, durch die Seitentür. Nicht die Täter...
Dies ist das Protokoll eines übergroßen Unverständnisses, ja eines Nicht- oder vielleicht gar Missverständnisses. Eines lupenreinen Nicht-Verstehen-Könnens, was an einer bestimmten Produktion namens «Alkestis», verfasst von Euripides, inszeniert von Emma Dante, gut sein soll. Wo, außer im rein Dekorativ-Possierlich-Possenreißerischen, sich denn da ein Sinn...
