Gänsehaut im Eiskeller
Am Ende spucken die Tauben Krümel auf den Boden, saugt der Springbrunnen Wasser ein, verlassen die Zuschauer rückwärts im Gänsemarsch das Theater, das ein Kino ist. Der niederländische Zuschauerverzauberer Dries Verhoeven schickt etwa zwanzig Zuschauer auf eine Reise in die zukünftige Vergangenheit.
Man trifft sich neben einer Tiefgarageneinfahrt, geht schweigend im Gänsemarsch über den Platz vor dem Schloss mit Einkaufszentrum, vorbei an Punks, die sich anfangs noch wundern über diese merkwürdige Prozession, und tritt in einen schwarzen Kasten ein – ein winziges Kino mit drei Reihen Plüschsitzen und einer Leinwand in Richtung Schlossplatz.
Darauf ist ein Film aus weit entfernter Zukunft zu sehen. Auf Mandarin, der womöglich kommenden Weltsprache, erzählt eine Frauenstimme vom Urknall, dem Beginn der Zeit und der Entstehung des Menschen. Man muss die Untertitel lesen, um zu verstehen, was sie meint, aber das Lesen stört weiter nicht, denn auf der Leinwand ist nur zu sehen, was der Zuschauer schon kennt: der Platz vor dem schwarzen Kinokasten, Frauen mit Einkaufstaschen, Mütter mit Kinderwagen, Skater, Punker, Liebespaare Hand in Hand. Schnell kommt die chinesische Erzählerin vom ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das Theater und sein Publikum haben ihr Verhältnis bis dato über Komplementarität stabilisiert: Der Schauspieler spielt, der Zuschauer schaut. Jetzt scheinen wir in eine Phase einzutreten, die auf Homogenität als stabilisierenden Faktor setzt: Wir da oben und ihr da unten sind gleich; wir sprechen die gleiche Sprache, erzählen uns gegenseitig unsere Geschichten –...
Schnell wird es dunkler auf der Bühne. Der an Schienen hochgezogene weiße Tanzboden, der die Bühne rahmt und in einen White Cube von museumsartigem Zuschnitt verwandelt, verliert seine gleißende Wirkung und wird matt. Tänzer und Tänzerinnen in knöchellangen weiten, schwarzen Musselinröcken postieren sich vor der Rückwand, als seien sie einem barocken Gemälde von...
Es ist ja schon eine Grundsatzfrage, wie man ein derart verschwiemeltes Genre wie die Operette auch nur ansatzweise für die Bühne flott machen kann. Und wie man etwas so obszön Blödsinniges wie Jacques Offenbachs «Die Banditen» von 1869 ausgerechnet ins Neumarkt Theater in Zürich bringen kann. Etwas so dreist Doofes, das immerzu an eine Urfassung von «Das Wirtshaus...
