«Etwas Unvernunft, bitte!»
Eine Theorie der tragischen Erfahrung, eine Geschichte des dramatischen Theaters, eine Gegenwartsdiagnose und das Plädoyer für eine «postdramatische» Tragödie – so ließen sich die drei Gegenstände beschreiben, denen diese Studie sich widmet.
Und wenn sie mit ihren 734 Seiten Länge, ihrer Fülle von Verweisen und Zitaten, ihrer 24 Seiten langen Literaturliste und ihrem immerhin sieben kleingedruckte Seiten umfassenden Personenregister auf den ersten Blick überwältigt, ja einschüchtert, so stellt man doch beim Lesen von Hans-Thies Lehmanns «Tragödie und dramatisches Theater» erleichtert fest, dass es sich des Umfangs zum Trotz weniger um ein Opus magnum im klassischen Sinne handelt, als vielmehr um eine mit langem Atem, viel Leidenschaft und ebenso viel Ungeduld im Detail verfasste Streitschrift. Kritische Theorie, die bei aller Ausschweifung ein klares Ziel vor Augen hat: die Etablierung einer aufs Theater bezogenen Tragödientheorie und damit zugleich und darüber hinaus einer anderen, das gesamte Feld aufmischenden Theatergeschichte.
Entgegen dem ersten Eindruck, der ersten Befürchtung (oder Hoffnung), ist es nicht die Abbitte eines Renegaten, das milde Alterswerk eines vom Saulus ...
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Theater heute Oktober 2014
Rubrik: Theorie, Seite 44
von Nikolaus Müller-Schöl
Annie Sprinkle hat schöne Brüste. Große, schwere, weiche Brüste, die die 60-jährige Übermutter der künstlerischen Sexarbeit im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel zu Strauss’ «Donauwalzer» tanzen ließ: niedlich, lustig, auch erotisch. Es war eine kluge Entscheidung, Sprinkles kurze Performance «Bossom Ballet» zur Eröffnung der Konferenz «Fantasies that matter –...
«Nichts», tönt Nadine Geyersbachs Stimme aus einem Ding, irgendwo zwischen Sitzsack, Fruchtblase und riesigem Marshmallow. «Nichts … ist aussichtsloser zu schildern als Leere. Nichts schwerer zu veranschaulichen als Monotonie.» Eine Welterschaffung: Anne Sophie Domenz hat ihrer Inszenierung von Schillers «Maria Stuart» am Theater Bremen eine Textcollage...
Und es hat doch stattgefunden. Zwar mit Einschränkungen: Die Eröffnungspremieren mussten um einen Tag verschoben werden, an einzelnen Tagen gab es Streiks. Aber das Festival d’Avignon fiel nicht aus wie 2003 oder dieses Jahr kurz zuvor die Festivals von Uzès und Montpellier. Die Folgen wären zu massiv gewesen: ungedeckte Kosten, fehlende Engagements und...
